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Theater: Die Heimatlosigkeit der Kofferkinder

Szene aus „Kindsein ist kein Zuckerschlecken“. Sarah Mistura

Szene aus „Kindsein ist kein Zuckerschlecken“. Sarah Mistura

Brigitte Walk inszenierte ein neues Theaterstück zum Thema Migration und Heimatlosigkeit.

Von Daniel Ongaretto-Furxer

Mit dem Theaterstück „Kindsein ist kein Zuckerschlecken“ führt Regisseurin Brigitte Walk ihre Themen um Migration, Angst, Ausgrenzung und Heimatlosigkeit konsequent fort. Der Schwerpunkt der aktuellen Produktion liegt thematisch bei den sogenannten „Kofferkindern“. Das sind türkische Kinder, die zwischen den zwei Welten Vorarlberg und der Türkei hin- und hergeschickt wurden und einmal bei den Eltern, dann wieder bei den Großeltern leben. Diese Zerrissenheit in der Kinderseele, die sich bis ins Erwachsenenleben weiterzieht, stellt dieses Theaterstück auf einmalige Art dar.

Die Kinder und Jugendlichen (Schüler der Schulen BRG Dornbirn-Schoren, BG Lustenau, MS Dornbirn-Haselstauden, NMS Lustenau-Rheindorf und MS Lustenau-Hasenfeld) stehen klar im Vordergrund und spielen beherzt und fesselnd ihre Rollen. Die scheinbar harmlose Anfangsszene zwischen zwei Mädchen, die sich um einen Lolli streiten, entpuppt sich später als ernste Metapher für Wiedergutmachung. Die Eltern wissen, dass sie die Kinder zurücklassen, und wollen deren Schmerz durch Süßigkeiten wieder unvergessen machen. Streit zwischen den Eltern, die fehlende Nähe zu den liebsten Bezugspersonen und ein Vater, der einfach geht, sind Themen, die in kurzen Passagen aufgegriffen werden. Und dazwischen immer das süße Eis, der Lolli und die Schokolade.

Ein jugendlicher Schauspieler spielt einen Bub, der nicht weiß, ob sein Vater ihn umarmt hat, was er gesprochen hat, ob er ihn zum Abschied berührt hat. Er war noch zu klein. Jetzt ist er auf der Suche nach diesen Erfahrungen. Und er flieht zuletzt. Das Tragische daran ist: Niemand vermisst ihn, niemand sucht nach ihm. Die Erfahrung des Allein-Seins, der Zerrissenheit und der Angst, nirgends dazuzugehören, ist omnipräsent. In den kurzen Tanzsequenzen, die von Berührungen geprägt sind, scheint dieser Mangel kurzfristig aufgehoben zu sein.

Der Wechsel zu Erwachsenendarstellern, die mit ihrem Schmerz aus der Kindheit weiterleben, ist sehr gut umgesetzt und erschütternd. Die wenigen Erwachsenendarsteller sind Väter und Mütter, die selbst einmal Kinder waren, und auch mit der Bürde der Zerrissenheit ausgestattet sind. Sie schaffen es jedoch, durch Aggression teilweise einen Ausdruck zu finden.

Das Theaterstück, geschrieben von Amos Postner, choreografiert von Silvia Salzmann und musikalisch in Szene gesetzt durch Martin E. Greil, fußt auf wissenschaftlichen Recherchen zum Thema „Kofferkinder“. Faime Alpagu hat mit türkischen Erwachsenen in Lustenau und Kizilca biografisch-narrative Interviews geführt. Diese geschilderten Erfahrungen sind direkt in das Theaterstück miteingeflossen. Unbedingte Empfehlung für alle, die ihren Schmerz der Zerrissenheit reflektieren wollen.

„Kindsein ist kein Zuckerschlecken“, walktanztheater. 29. und 30. Juni, 1. Juli, um jeweils 19.30 Uhr im Gutshof Heidensand in Lustenau. Karten: Ländleticket.

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