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Intensives Theatererlebnis mit Tiefe

„Brücken ins Schwarze“ in der Landesbibliothek: eindrückliches und mutiges Theater.

Von Lisa Kammann

Am Anfang trägt der „Auf-die-Welt-Gekommene“ noch eine weiße Kutte, doch bald steht er nackt, völlig schutzlos vor dem Publikum: In einer überaus intensiven und eindrücklichen Performance erzeugte Darsteller und Regisseur Andreas Jähnert mit Tänzerin Sophia Hörmann, Sängerin Sdrawka Petrova und Arno Waschk am Klavier eine einzigartige, dichte Atmosphäre im Kuppelsaal der Vorarlberger Landesbibliothek. Die Zuschauer zeigten sich beeindruckt bei der Premiere von „Brücken ins Schwarze“ des Theaters der Sprachfehler. Der Stücktext (Christian Kühne, Jähnert) behandelt auf einzigartige Weise die Sprache, nicht zuletzt die menschliche Existenz überhaupt, und zeigt sich in dieser Inszenierung in einer effektvollen dramatischen Form.

Erkenntnis. Einiges bleibt für den Zuschauer, so auch intendiert, inhaltlich offen. Doch ist es wohl gerade dieser Umstand, nicht hinter jedem Satz einen Sinn innerhalb einer klassischen Handlung erfassen zu können, der den Horizont ausweitet und den Fokus auf den Akt des Sprechens selbst wie auch auf die Atmosphäre, die Performance legt. Der Text selbst reflektiert stets auf die eigene Sprache zurück und tastet sich Wort für Wort vor – sowie der „Auf-die-Welt-Gekommene“ im Lauf seiner Sprach- und Existenzentwicklung seinen Fundus erweitert. „Begehren“ heißt das erste Wort des Mannes, der auf die Welt kommt. Langsam erweitert sich der Wortschatz, Jähnert hangelt sich immer weiter, wobei ein Wort weitere nach sich zieht, wie „rot“ zu „Rotwein“ führt – „Ein Wort kommt selten allein“. Es ist auch ein Erkenntnisprozess, der sich dabei abzeichnet. Erstens die Selbsterkenntnis, die durch die Sprache entsteht: Wenn die Worte jemand hört, „soll er sich selbst erkennen“. Zweitens das Erkennen der Welt: Zu Beginn kindlich-staunend über Formen und Farben, dann immer weiter vordringend in die Landschaft, die Geschichte, die zu Menschen, Kriegen führt, und schließlich zur Liebe. Aber zuerst ist Angst zu spüren, Einsamkeit und die Suche nach Halt – das auch wörtlich, wenn Jähnert eine runde Drehscheibe aus Holz bespielt: erstklassige körperliche Schauspielkunst. Die Bewegung Jähnerts richtet sich zudem auf Petrova und Hörmann aus, das erzeugt eine Spannung zwischen den Akteuren. Hörmanns subtiler Tanz erzeugt eine spürbare Stille, die Petrova mit teils sehr kräftigem Vokalgesang bricht. Waschk ergänzt den musikalischen Beitrag mit gut eingesetztem Spiel. Jähnert wendet sich mehr und mehr der Tänzerin zu, doch irgendwie scheint sein Besitzanspruch nicht eingelöst zu werden. Die Situation steigert sich, Wut macht sich breit, die sich in eine allgemeine Verdichtung zum Ende hin einfügt.

Ist der Prozess des Sprechens, des In-der-Welt-Seins, einmal in Gang gesetzt, lässt er sich nicht mehr aufhalten. Erst durch die Sprache – die ihren Anfang nimmt, um einen immer größeren Gedanken-Horizont aufzumachen – kann ein Ende überhaupt erst gedacht werden: „Erst seit dem Anfang weiß ich, es gibt ein Ende.“

Halt. Es sind die Worte, die „Brücken ins Schwarze“ bauen. Sie lassen erkennen, aber einen wirklichen Halt geben sie dem „Auf-die-Welt-Gekommenen“ nicht. Auch der Zuschauer erhält keine Gebrauchsanweisung für diesen Abend, doch das ist nicht notwendig. Im Kuppelsaal, mit seiner Akustik, dem speziellen Raumgefühl, breitet sich ein Theater aus, das ganz von sich aus wirkt. Mut und Experimentierfreude haben wohl auch dazu beigetragen, dass dieses Stück, das so viel Tiefe besitzt, so unmittelbar wirkt.

Die letzte Vorstellung in Vorarlberg ist gestern über die Bühne gegangen, doch im Herbst kommt das Theater der Sprachfehler mit „Der Christuskomplex“ wieder.

<p class="caption">„Brücken ins Schwarze“: Theater in der Landesbibliothek. Kleines Bild oben: Andreas Jähnert und Sdrawka Petrova.  Christoph Skofic (3)</p>

„Brücken ins Schwarze“: Theater in der Landesbibliothek. Kleines Bild oben: Andreas Jähnert und Sdrawka Petrova.  Christoph Skofic (3)

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