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Bregenz

Über die Zeit und das Erbe der Toten

Die Seherin und der Chor.   Matthias Heschl/Schauspielhaus Wien

Die Seherin und der Chor.   Matthias Heschl/Schauspielhaus Wien

Gastspiel des Schauspielhauses Wien im Theater Kosmos: Ein kluges Stück über die Erbmasse der Menschheit.

Das private und kollektive Erbe der vorangegangenen Generationen, die Fehltritte und Schulden der „Geister“ aus der Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft bestimmen, standen auf der Bühne des Theater Kosmos zur Debatte: Im Rahmen der Theaterallianz war vergangene Woche das Schauspielhaus Wien in Bregenz zu Gast. Zu sehen war „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ in der Inszenierung von Elsa-Sophie Jach und Thomas Köck. Letzterer verfasste den zugleich philosophischen und doch leichten, humorvollen Text, der erstmals im vergangenen November auf die Bühne kam.

Leichensäcke auf dem Boden der weißen Bühne (Stephan Weber) sind der erste Hinweis auf die Toten, deren Erbe auf den Jungen lastet. Dazwischen eine Seherin (ausgezeichnet von Sophia Löffler verkörpert), die dem Publikum von einer Geschichte berichtet: Archäologen finden vergraben im Wüs­tensand ein Buch, oder besser gesagt lose Blätter, die in einem alten regionalen Dialekt von einer anderen Welt berichten. Eine alte kettenrauchende und erblindete Frau spricht diese Sprache noch, mit ihrer Hilfe tut sich die Geschichte einer Stadt auf – und eine andere Betrachtung der Zeit an sich. Auch die Seherin plädiert für ein neues Zeitverständnis, in der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart zusammenfallen, eine für den Menschen schwer vorstellbare Gleichzeitigkeit: die Zeit als Raum, in dem Gerechtigkeit neu gedacht werden kann.

Doppeltes Erbe. Es ist wohl auch der Versuch, eine Spirale zu durchbrechen: die in Europa durch das Erbrecht bestimmte Vermögensaufteilung, durch welches das finanzielle Erbe der Reichen in der Familie bleibt und vermehrt wird, während das negative Erbe der Armen über die Generationen weitergetragen wird. Doch auch globale Krisen als Schuld der Ahnen werden weitervererbt – und da kommt der juvenile Klagechor zum Einsatz: Rund ein Dutzend mitteleuropäischer Teenager bildet einen Chor, der diese „Erbschuld“ nicht annehmen möchte und trotz seines vermeintlich privilegierten Status klagt. Beeindruckend ist die Performance der jungen Darsteller, sauber getaktet tragen sie die Betrachtung ihrer „Timeline“ vor, die von Sebastian Kurz bis zur Mutter reicht, die keine Zeit für das Kind hat.

Die Seherin, vom Chor zunehmend in Bedrängnis gebracht, springt wiederum in Ort und Zeit zu einem „Kind“ im elterlichen Palast „on the 68th floor“ in New York: Ja, es ist Ivanka Trump. Sie wird gleich ein doppeltes Erbe übernehmen: Das „hier oben“ und das „da unten“, das ihr Vater der Nachwelt hinterlassen wird. Donald Trump klagt selbst: „I inherited a mess“ (zu Deutsch in etwa: „Ich habe eine Schweinerei geerbt“).

In einer zeitgemäßen theatralen Sprache, mit Humor und an das Publikum gerichtet zeigte sich das Stück. Schön, dass auch Vorarlberger Zuschauer durch die Allianz von sechs österreichischen Theaterhäusern davon profitieren konnten.

Lisa Kammann

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