Kultur

Ein fettes Haus und ein fettes Auto

11.06.2020 • 06:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kunstraum-Leiter Thomas Häusle vor Werken von Erwin Wurm. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Kunstraum-Leiter Thomas Häusle vor Werken von Erwin Wurm. Philipp Steurer

Werke von Erwin Wurm sind im Kunstraum Dornbirn zu sehen.

Ein Haus ist ein Haus. Ein Haus kann aber auch ein Kunstwerk sein – ein Kunstwerk und ein Haus. Was das „Fat House“ von Erwin Wurm denn nun ist, davon kann sich der Besucher im Kunstraum Dornbirn ab heute selbst ein Bild machen. Aufgrund der durch die Corona-Krise erzwungenen Programmänderung bespielt nun der wohl bekannteste lebende österreichische Künstler die ehemalige Montagehalle: ein tröstlicher Glücksfall. Gezeigt werden Skulpturen aus verschiedenen Serien, inklusive einem Film des Künstlers selbst, sowie ein aufgezeichnetes Gespräch mit dem Vorarlberger Kunstmanager Gerald Matt. Außerdem ist mit einer von Wurms „One Minute Sculptures“ ein Ausflug in den Dornbirner Stadtraum geplant.

"Butter" von Erwin Wurm. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
"Butter" von Erwin Wurm. Philipp Steurer

Es ist nicht das erste Haus des in Wien lebenden 65-Jährigen, das im Kunstraum Dornbirn steht. 2011 war bereits seine Arbeit „Narrow House“ zu sehen, die jedoch einen völlig anderen Hintergrund als das „Fat House“ habe, wie Kunstraum-Leiter Thomas Häusle beim Presserundgang erklärt. War das schmale „Narrow House“ dem Elternhaus Wurms nachempfunden und Symbol kleinbürgerlicher Beengtheit, geht das „Fat House“ (2003) in die Breite, und wirft Fragen zur Konsumgesellschaft und zur Kunst auf. Das ausladende Gebäude musste für den Transport zersägt werden, gelangte mit zwei Sattelschleppern nach Vorarlberg, um dort wieder aufgebaut, neu verputzt und bemalt zu werden: eine aufwendige Angelegenheit, so Häusle.

Aus der Form gefallen

Mehrere „Wurm-typische Aspekte“ kommen in der „Fat“-Serie zum Tragen, so der Kunstraum-Leiter. Auf den ersten Blick überwiegt das Humoristische: Ein Lächeln ruft der Blick auf das behäbige Gebäude hervor, dessen üppige, an einen korpulenten Menschen erinnernde Form sich gemäß der Schwerkraft nach unten hin weiter ausweitet. Fast möchte der Betrachter das Haus niedlich nennen, meint Häusle. Diese Nettigkeit kippe aber beinahe ins Provokante, wenn der Betrachter über den Hintergrund der Arbeit reflektiert, so der Kunstraum-Leiter. Das Prinzip des „immer mehr“ und „immer größer“ in unserer Konsumgesellschaft macht Wurm direkt an seiner Umformung von Alltagsgegenständen sichtbar. Auch wenn der Eingang den Anschein macht, bald von den „fetten“ Wänden verschluckt zu werden, ist das Haus betretbar. Im Inneren wird das Gebäude durch ein animiertes Video lebendig, und sinniert über das, was wann Kunst ist.

Im "Fat House" ist ein Video zu sehen. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Im "Fat House" ist ein Video zu sehen. Philipp Steurer

Ein besonders aufgemöbelter „Mini“ stellt das Auto als Statussymbol infrage. Den „Fat Mini“ (2018) hat übrigens der Vorarlberger Künstler und Ausstellungstechniker Roland Adlassnigg für Wurm hergestellt – ebenfalls eine aufwendige Arbeit. Eine neue, aus der Form gefallene Karosserie musste gebaut werden, auch der Lenker wurde versetzt, wie Häusle anmerkte. Das Grün des Lacks ist ein originales „Mini“-Grün, fügte er hinzu.

Der "Colt". <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Der "Colt". Philipp Steurer

Die neuesten ausgestellten Arbeiten sind zwei Bronze­skulpturen von 2019 aus der „Weapons“-Serie: plump wirken die angeschwellten Handfeuerwaffen – eine Glock („Director’s Wife“) und ein Colt. Die „Performative Sculpture“ mit dem Titel „Butter“ (2015) hat die Form eines Kühlschrankes. Zuerst in Ton gegossen, wurde das Objekt mit großem Körpereinsatz von Wurm manipuliert. Der Kunststoff-Abguss lässt erahnen, wie viel Kraft dafür aufgewendet wurde.

Verschwörungstheorien

Hinter dem „Fat House“ ist noch eine „One Minute Sculpture“ platziert, die Anfang Juli an den Platz beim Stadtmuseum wandern wird. Durch einen Holztisch wurden zwei runde Öffnungen gesägt. Typisch für diese Arbeiten, ist an dem Werk eine Handlungsanweisung angebracht: Zwei Menschen können die Köpfe durch die Öffnung stecken und unter dem Tisch Verschwörungstheorien verhandeln – „Table of Conspiracy“ heißt nämlich das Werk, das im Rahmen von „Kultur im Jetzt“ als Impuls von verschiedenen Akteuren aus der Vorarlberger Tanz- und Theaterszene bespielt werden soll.

Erstaunlich, dass diese Ausstellung innerhalb weniger Tage geplant und realisiert wurde: sehr schön.

Zur Ausstellung

Erwin Wurm. „Big“. Bis 16. August im Kunstraum Dornbirn. Am heutigen Donnerstag steht das Kunstraum-Team von 10 bis 12 Uhr für Führungen bereit. Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.