Kultur

Die Bedeutung des Theaters ausstellen

16.06.2020 • 20:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Auch der Platz der Wiener Symphoniker wird bespielt.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Auch der Platz der Wiener Symphoniker wird bespielt. Klaus Hartinger

Das “Schauspiel ohne Grund” wird den öffentlichen Raum beleben.

Theater ist mehr als eine Kunstform, die uns unterhält. Theater ist einem Ritual entsprungen, das so alt ist wie die menschliche Gesellschaft selbst. Als Literatur ist es Abbild und Hinterlassenschaft jahrhundertelanger Menschheitsgeschichte, als Praxis ein sinnliches und gemeinschaftsbildendes Erlebnis. An die Bedeutung dieses kulturellen Erbes soll ab 25. Juni eine theatrale Intervention im öffentlichen Raum erinnern. „Schauspiel ohne Grund“ nennt sich das Projekt, an dem das Ensemble unpop, das walktanztheater und Initiator Willi Pramstaller beteiligt sind. Fünf Schauspieler erwecken dabei insgesamt 20 Monologe der Weltliteratur zum Leben – und das in einem speziellen Setting, wie im Gespräch mit unpop-Regisseur Stephan Kasimir zu erfahren war.

Stephan Kasimir und Caro Stark verantworten die künstlerische Einrichtung. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Stephan Kasimir und Caro Stark verantworten die künstlerische Einrichtung. Klaus Hartinger

Pramstaller, der gerade seine Funktion als Freudenhaus-Leiter niederlegte, wäre mit der Idee zum „Schauspiel ohne Grund“ an die beiden Theatergruppen herangetreten, erzählt Kasimir. In der Zeit des Lockdowns, als die Lockerungen für den Sommer noch nicht absehbar waren, wurde nach einem Format für den öffentlichen Raum gesucht. Das entwickelte Konzept ist somit in der Corona-Zeit gut durchführbar. Fünf Schauspieler – es sind Maria Fliri, Anwar Kashlan, Nico Raschner, Maria Strauss und Brigitte Walk – stehen auf jeweils einem Sockel, von welchem aus sie die Monologe vortragen. Diese werden als Loop wiederholt, währenddessen können sich die Zuschauer frei bewegen, von einem Sockel zum anderen wandern. Ein weiterer Vorteil: Bei diesem Format mit freiem Eintritt können auch Passanten spontan zum Publikum werden.

Kollektives Gedächtnis

Folgende Aspekte hätten bei der Konzeption eine Rolle gespielt, so Kasimir: Bei der denkwürdigen Pressekonferenz von Ulrike Lunacek Mitte April kündigte die Politikerin an, dass sich auf der Bühne wohl nicht so bald wieder zwei Schauspieler nahekommen könnten. Neben den finanziellen Auswirkungen stellte sich somit auch die Frage, was die Corona-Krise für das Theater, für die Kunst an sich bedeute, erklärt der Theatermacher. Für Kasimir sind die wirtschaftlichen Folgen für Kunstschaffende, die in prekären Verhältnissen leben, zweifelsohne ein wichtiges Thema. Doch mit dem „Schauspiel ohne Grund“ soll darüber hinaus der Fokus darauf gelegt werden, was wir durch das Fehlen von Kunst und Theater tatsächlich verlieren würden.

Initiator Willi Pramstaller. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Initiator Willi Pramstaller. Klaus Hartinger

Die Figuren des Theaters würden uns Archetypen der Menschheit zur Verfügung stellen, sie seien Abbild der Entwicklung unserer Kultur, ist Kasimir überzeugt. Das Theater helfe uns, uns mit der Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. Der Regisseur erinnert etwa an die Griechen und Perser, die sich als Erste mit dem europäischen Gedanken beschäftigten – oder mit dem Fremden, wie in Euripides’ „Medea“. Man denke auch an die Psychogramme der Herrscher bei William Shakespeare: All diese Perlen der Weltliteratur seien, wenn auch unterschwellig, Teil unseres kollektiven Gedächtnisses, meint Kasimir. Dieser nicht bezifferbare Wert gehe in unserer ökonomisch-kapitalistisch geprägten Welt oftmals unter, so der Regisseur.

Leidenschaft

Um diese Bedeutung „auszustellen“ und einen musealen Charakter zu erzeugen, stehen die Darsteller auf einem Sockel, erklärt Kasimir. Ergänzt von bildender Kunst, besitze dieses Projekt eine interdisziplinäre Form. In diesem Rahmen werden etwa Texte von Aischylos, Georg Büchner, Henrik Ibsen, Heinrich von Kleist, Nestroy, Molière, Friedrich Schiller, Shakespeare, Anton Tschechow oder Sophokles zu hören sein. Die Aktion soll auch eine Begegnung unter Menschen ermöglichen, die sich wie nach einem Besuch im Theater über das Erlebte austauschen können. Schlussendlich weist Kasimir auch auf diesen Wert hin: Theater lässt die Menschen zusammenkommen – und es sei nicht zuletzt „eine Form von Sinnlichkeit und Leidenschaft“.

Zu den Aufführungen

„Schauspiel ohne Grund“. Projekt von Caravan – mobile Kulturprojekte, Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung und walktanztheater.com. Termine und Orte: Do., 25. Juni, Freudenhaus Lustenau, 20 Uhr. Fr., 26. Juni, Neustadt Feldkirch, 17 und 19 Uhr. Sa., 27. Juni, Hof der inatura, Dornbirn, 17 und 19 Uhr. So., 28. Juni, Platz der Wiener Symphoniker, Bregenz, 15 und 17 Uhr.