Kultur

Die Kunst des Stummfilms

24.06.2020 • 18:06 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Stummfilm "Daddy-Long-Legs".<span class="copyright"> Mary Pickford Foundation</span>
Der Stummfilm "Daddy-Long-Legs". Mary Pickford Foundation

Stummfilme mit live-Musik gibt es bei einem kleinen Festival.

Nicht nur, weil durch die Corona-Krise die weltweite Filmproduktion ins Stocken geriet, lohnt sich heute ein Blick zurück zu den Anfängen der Filmgeschichte. Die Stummfilm-Ära rund um den Beginn des 20. Jahrhunderts brachte verschiedene cineastische Kunstgriffe hervor und kann mit so einigen Schätzen aufwarten, die noch heute für Staunen und Unterhaltung sorgen. Zwei dieser Werke sind dieses Wochenende am Mühletorplatz in Feldkirch bei einem kleinen Stummfilmfestival zu erleben. Wie auch in der damaligen Aufführungspraxis üblich, wird das visuelle Kunstwerk mit Live-Musik bereichert: Kurator und Musiker Wolfram Reiter gibt damit den Filmen vielleicht auch einen zeitgemäßen Anstrich.

"Der Student von Prag".<span class="copyright"> Veranstalter</span>
"Der Student von Prag". Veranstalter

Veranstaltet wird das Open-Air-Kino vom Theater am Saumarkt. Leiterin Sabine Benzer habe zusammen mit Reiter die Filmauswahl getroffen, wie der Multi-Instrumentalist und Cineast im Gespräch erzählt. Benzer entschied sich für einen Streifen, der sogar einen Bezug zur globalen Pandemie aufweist. In einer Sequenz in „Daddy-Long-Legs“ (1919) niest die Protagonistin in einem Bahnhof, und alle Menschen in der Nähe flüchten – Es ist die Angst vor der Spanischen Grippe, die hier zum Ausdruck kommt. Doch eigentlich geht es um das soziale Gefälle von Arm und Reich. Ein Waisenmädchen, gespielt von der bedeutenden Stummfilm-Akteurin Mary Pickford, wird von einem unbekannten wohlhabenden Mann gefördert, und kann dadurch das College besuchen. Am Ende wird die Identität des mysteriösen Mäzens enthüllt. Reiter sieht in dem Film eine „angenehme Mischung aus Slapstick und Drama“. Kritisch betrachtet werden die damaligen Zustände in US-amerikanischen Waisenhäusern.

Doppelgänger

Reiter wählte „Der Student von Prag“ (1913) – „einer der großen Klassiker des deutschen Films“, gelte er doch als einer der ersten Autorenfilme in Spielfilmlänge. Paul Wegener, der unter anderem für die mehrfache Verfilmung des „Golem“-Stoffs bekannt war, spielt den Studenten Balduin. Er verkauft sein Spiegelbild an einen teuflischen Magier, um an Geld zu kommen – dass dieses Doppelgängerspiel für Balduin nicht gut enden wird, davon ist auszugehen. Der Film prägte mit seiner neuartigen künstlerischen Filmsprache den späteren deutschen Expressionismus wesentlich, erklärt Reiter.

Mary Pickford in "Daddy-Long-Legs". <span class="copyright">Veranstalter</span>
Mary Pickford in "Daddy-Long-Legs". Veranstalter

Damals wurden die Stummfilme meist von einem Orchester oder am Klavier begleitet. Der Vorarlberger Musiker verwendet für seinen Beitrag Banjo, Trompete, Gitarre, Harmonium und Gong, wie er verrät. Reiter habe zwar ein Konzept erarbeitet, werde jedoch weitgehend improvisieren. Es ist nicht der erste Einsatz dieser Art: Der Saumarkt-Techniker hat bereits beim Open-Air-Kino im Rahmen der Architekturtage 2019 mitgewirkt, das unter der Brücke am Ganahl-Areal realisiert wurde. Der Film-Liebhaber hofft, dass durch die Open-Air-Projektion bei gutem Wetter auch das Interesse des einen oder anderen Passanten für diese großen Kunstwerke geweckt wird.

Zum festival

Stummfilme mit Musik. Open-Air-Kino am Mühletorplatz, vor dem Theater am Saumarkt, Feldkirch. „Daddy-Long-Legs“: Sa. 27. Juni. „Der Student von Prag“: So. 28. Juni, jeweils um 20.30 Uhr. Bei Schlechtwetter finden die Vorstellungen im Theater am Saumarkt statt. Infos: www.saumarkt.at.