Kultur

“Wir bilden die Gegenwart ab”

04.07.2020 • 20:07 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
"Wir bilden die Gegenwart ab"
Hartinger

Thomas Trummer ist seit fünf Jahren Direktor des KUB.

Die NEUE am Sonntag ist zu Gast bei Thomas Trummer im Kunsthaus Bregenz. Wir treffen den Direktor in der aktuellen Ausstellung „Unvergessliche Zeit“, die den Corona-Lockdown zum Thema hat. Langsam kehre so etwas, wie Normalität ein. Seit 1. Juli hat das Kunsthaus wieder die üblichen Öffnungszeiten. „Die Erfahrungen, die die Künstler gemacht haben, waren für viele sehr produktiv. Das zeichnet auch unsere aktuelle Ausstellung aus. Denn bis auf eine Ausnahme sind alle Werke während der Corona-Zeit entstanden. Die Kunst entwickelt für all diese Fragen, die während dieser Zeit aufgepoppt sind, eine andere Sensibilität“, so der Hausherr zu Beginn des Gesprächs. Das Defizit und das Ungewisse seien Motor für die Künstler. Das sei eine Qualität der Kunst, Unbewusstes sichtbar zu machen. „Jeder, der zu uns ins Haus kommt und diese Ausstellung anschaut, ist ein Spezialist. Denn wir alle haben diese Zeit und diese Gefühle durchlebt. Wir werden sie auch nicht vergessen. Darauf spielt der Titel der Ausstellung an“, so Trummer.

Biedermeier

Kreativität und Produktivität seien während dieser Zeit in das Häusliche gekommen. Jeder habe Brot gebacken, genäht oder Kräuter angebaut. „Auch Musik machen und Lesen waren hoch im Kurs. Intime Praktiken, wie das Lesen oder Schreiben, sind wichtiger geworden. Alles, was ich alleine machen kann. Das erinnert natürlich auch sehr an die Biedermeier-Zeit.“ Trummer und seine Mitarbeiter haben diese Zeit des Rückzugs und der Distanz dann doch auch anders erlebt. „Wir hatten natürlich eine Situation, die wir vorher noch nicht kannten. Am Freitag, dem 13. März, war unser letzter Öffnungstag, und am Montag hatten wir uns schon wieder gefasst und haben dann die ersten Ideen entwickelt. Zuerst waren es vor allem digitale Initiativen. Und schon waren die Motivation und der Enthusiasmus wieder da.“ Alles von zu Hause aus zu steuern, sei eine Herausforderung gewesen. Aber so sei es ja allen gegangen. Und das Bewusstsein, dass diese Zeit etwas Einmaliges darstellt, hat natürlich Kräfte freigesetzt. „Wir haben als erste sofort die Gegenwart abgebildet. Und das war gut so. Wir sind kein Museum, sondern ein Haus für Gegenwartskunst. Ich spür’ das oft bei den geführten Rundgängen, wie die Menschen berührt werden von dem einen oder anderen Werk.“

"Wir bilden die Gegenwart ab"
Hartinger

Man könne nach dieser Zäsur nicht einfach so weiter machen, als wäre nichts gewesen. Das gelte ganz allgemein für die Gesellschaft, aber auch für das Kunsthaus. „Durch und in diesen drei Monaten ist vieles in Bewegung gekommen. Es sind neue Fragen entstanden. Unser Programm, das wir vor der Krise für das ganze Jahr entwickelt haben, ist derzeit in Schwebe. Wir werden ab dem 11. September auf jeden Fall Peter Fischli zeigen“, freut sich der Direktor. Das sei eine gute Wahl: Denn Fischli sei ein positiver, lebensbejahender und durchaus humorbegabter Künstler. Das sei jetzt auf jeden Fall das Richtige nach einer Zeit der Depression und der Ernüchterung.

Wie es dann weitergehe, wisse er aber noch nicht. Denn: „Der Kunstbetrieb ist globalisiert, der ist abhängig von Reiseaktivität. Und da denk’ ich nicht nur an die Kunstwerke, sondern auch an die Künstler und nicht zuletzt an das internationale Publikum. Und da ist einfach vieles noch offen.“
In Österreich habe man jetzt die Empfindung, dass man das hinter sich habe. „Wir reden ja schon meistens in der Vergangenheitsform von dieser Zeit. Das empfinde ich nicht so. Vor allem, wenn ich mich mit Künstlern aus der ganzen Welt austausche.“
Man wisse generell nicht was kommen wird. Viele Dinge würden gerade hinterfragt oder drehen sich. Dinge, die als gegeben hingenommen wurden, kommen ins Wanken: „Der Neo­liberalismus, der da arrogant mit dem Fall der Mauer über die Welt hereinbricht, ist momentan außer Kraft gesetzt. Denn der Staat musste in den letzten Wochen und Monaten einspringen und Stärke zeigen“, so Trummer weiter. Zur Jahrtausendwende sei es gang und gäbe gewesen, dass sich der Staat bei wirtschaftlichen Dinge komplett zurückzieht. Das habe sich jetzt gedreht.

Aura

Es sei auch eine Zeit der Widersprüche und Brüche: „Wir alle haben die Digitalisierung in den letzten Wochen und Monaten als ein fortschrittliches Werkzeug kennen und schätzen gelernt. Über Generationen hinweg wurden Zoom-Konferenzen abgehalten. Auf der anderen Seite nehmen wir den anderen viel stärker in seiner physischen Präsenz wahr. Die Gegenwart des anderen ist uns wertvoller und kostbarer geworden.“ Derzeit sei das Thema Distanz ein omnipräsentes. „Man könnte da auch das altmodische Wort Aura verwenden.“ Ob sich jetzt alles zum Besseren wenden werde, könne man derzeit nicht sagen.

Solidarität

Generell sei er aber eher pessimistisch, denn der ökonomische Wettbewerb werde wiederkommen, und das härter denn je. Zudem werde es massive Verteilungskämpfe geben. Aber: „Man kann das Wort Solidarität wieder ungestraft aussprechen. Und das ist immerhin schon etwas“, schmunzelt der Direktor. „Es gibt einen Durst nach realem Kunsterlebnis. Vor allem nach dieser langen Zeit der Zurückgezogenheit. Und Netflix ist dann auch irgendwann mal ausgereizt.“ Man solle die Krise nicht zu sehr gut­reden. Aber man habe gesehen, dass Kultur nicht substituierbar sei. Direktor Trummer sieht sich, sein Team und das Haus gut aufgestellt, was auch immer kommen mag. Denn: „Wir haben einen Schatz. Und dieser Schatz ist die Kunst. Mit dem Schatz werden wir arbeiten, was immer auch passiert.“

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