Kultur

Traumartige “neue Normalität”

08.07.2020 • 18:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Werke von Uroš Weinberger in der Galerie 60. <span class="copyright">Lisa Kammann</span>
Werke von Uroš Weinberger in der Galerie 60. Lisa Kammann

Der Künstler Uroš Weinberger zeigt seine Werke in der Galerie 60.

Menschen mit Mund-Nasen-Schutz: ein Motiv, das derzeit in vielen aktuellen Kunstwerken, die sich mit der Corona-Pandemie auseinandersetzen, Verwendung findet. Künstlern, die sich jedoch bereits vor diesem Jahr dem bedeckten Gesicht zuwendeten, wird heutzutage zuweilen die Kraft der Vorahnung nachgesagt. Ein gewisses Maß an der Antizipation großer Herausforderungen der nahenden Zukunft trifft wohl tatsächlich auf Uroš Weinberger zu. Der Künstler zeigt derzeit eine Auswahl seines Schaffens in der Feldkircher Galerie 60. Unter dem Titel „Projectories“ treten dabei – neben dem besonderen Stil Weinbergers – die Themenkomplexe hervor, denen sich der 1975 geborene Slowene bislang widmete.

"Holiday Inn" (2020). <span class="copyright">Lisa Kammann</span>
"Holiday Inn" (2020). Lisa Kammann

Weinberger besitze eine hohe Sensibilität für globale Phänomene, die erst später die Aufmerksamkeit der breiten Masse erregen, ist Leonie Hirn überzeugt. Mit ihrem Partner Calvin Mechora leitet sie die Galerie 60, die wiederholt osteuropäische Künstler nach Feldkirch holt. Mechora hat übrigens im schweizerischen Flims eine weitere Galerie eröffnet: Zusammen mit Leon Pogelsek leitet er die „Waldhaus Contemporary“ neben dem Hotel Waldhaus Flims. Ende Juli werden dort ebenfalls Werke des slowenischen Künstlers zu sehen sein.

"Deconstruction" (2019). <span class="copyright">Lisa Kammann</span>
"Deconstruction" (2019). Lisa Kammann

Was für uns vor wenigen Monaten zur ,neuen Realität‘ wurde, existiert in Weinbergers Gemälden schon lange“, heißt es im Begleittext zur Schau. Gemeint sind unter anderem jene Werke, die Kinder mit Mund-Nasen-Schutz oder mit Gasmaske zeigen. Bereits aus dem Jahr 2014 stammt das Ölbild „See“, in dem asiatische Kinder mit bedecktem Mund und Nase in Reih und Glied stehen. Beinahe wie durch ein Nachtsichtgerät oder einen Farbfilter blickt der Betrachter auf die Szene.

Drohnen

Giftgrün dominiert etwa in dem großformatigen Werk „Eyes in the Sky“ (2019): Massen von badenden Menschen am Strand, dahinter eine Hochhausanlage, der Himmel übersät mit einem ganzen Heer von Drohnen – es ist eine dystopische Vision, die gleichzeitig unwirklich-traumhaft und doch so wirklich und gegenwärtig erscheint. Wie Hirn bei einer Besichtigung erklärt, lässt sich der Künstler meist von Bildern aus den Medien und von seinen Träumen inspirieren. Drohnen-Überwachung, mediale Bilderflut, Massentourismus, Pandemien und Katastrophen: All das zeigt sich in Weinbergers Werken, die durch die Farbgebung und Technik jedoch meist nicht düster und bedrohlich wirken. „New Normality“ (2020) zeigt, dass der Künstler auch die Spritztechnik anwendet. Das bunte Farbenspiel steht im Kontrast zur gewöhnungsbedürftigen „neuen Normalität“, in der wir uns heute befinden.

Moleküle

Moleküle. Obwohl Weinbergers Werke eindeutig dem Künstler zuordenbar sind, variieren Technik und Stil. So erinnert der Himmel in dem rätselhaften Bild „Colossal“ (2020) an Vincent Van Goghs „Sternennacht“. Es liege wohl an Weinbergers Rückgriff auf das kollektive Bildgedächtnis, dass der Betrachter gleich eine Verbindung zu den Werken aufbauen kann, wie Hirn vermutet. Obwohl kaum zu erkennen, erinnert die Landschaft in dem Bild „Holiday Inn“ (2020) auf den ersten Blick an die Tsunami-Katastrophe im Jahr 2004 im Indischen Ozean: Bilder dieser Tragödie wurden uns zuhauf zugespielt. Seine jüngsten Werke ergänzt der Künstler mit Darstellungen von Molekülen mit dem sogenannten Kalottenmodell. Was es wohl damit auf sich hat? Das werden wir wohl erst in ein paar Jahren herausfinden, sagt die junge Galeristin mit einem Schmunzeln.

Zur Ausstellung

Uroš Weinberger. „Projectories“. Bis 22. August in der Galerie 60, Feldkirch. Do. und Fr., 16 bis 19 Uhr, Sa., 12 bis 16 Uhr geöffnet.

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