Kultur

Sommerschau mit Badespaß

14.07.2020 • 17:49 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Ausstellung im Martinsturm.<span class="copyright"> Udo Mittelberger </span>
Die Ausstellung im Martinsturm. Udo Mittelberger

Eine Sonderschau widmet sich der Geschichte Bregenzer Badekultur.

“Kann denn Baden Sünde sein?“ Allein diese Frage, die dieAllein diese Frage, die die Sonderausstellung im Martinsturm betitelt, zeigt auf, dass sich die Bregenzer Badekultur in den vergangenen Jahrhunderten deutlich geändert hat. Was damals allein zur Hygiene diente, ist heute Sommerspaß oder sportliche Ambition. Auch die Badeorte und die Bademode der Bregenzer unterlagen einem radikalen Wandel, der in der informativen und ansprechend gestalteten Schau nachvollziehbar gemacht wird. Kuratiert wurde die Ausstellung von Birgit Heinzle und Stadtarchivar Thomas Klagian. Dieser erzählte bei einem Rundgang mehr über die Geschichte des Badens in der Landeshauptstadt.
Nach dem „durchwachsenen Frühjahr“ im Zeichen von Corona sei es eine bewusste Entscheidung gewesen, mit einem sommerlichen Thema im Martinsturm aufzuwarten, so der Stadtarchivar. Unterstützt wurde das Vorhaben durch das Super Büro für Gestaltung in Egg, das die Inhalte auf luftigen „Badetuch“-Bahnen im Raum präsentiert – was auch dem denkmalgeschützten Gemäuer des Turms zugutekommt.

Infos gibt es auf "Badetüchern". <span class="copyright">Udo Mittelberger</span>
Infos gibt es auf "Badetüchern". Udo Mittelberger

Nach dem „durchwachsenen Frühjahr“ im Zeichen von Corona sei es eine bewusste Entscheidung gewesen, mit einem sommerlichen Thema im Martinsturm aufzuwarten, so der Stadtarchivar. Unterstützt wurde das Vorhaben durch das Egger Super Büro für Gestaltung, das die Inhalte auf luftigen „Badetuch“-Bahnen im Raum präsentiert – was auch dem denkmalgeschützten Gemäuer des Turms zugutekommt.

Hygiene

Weit zurück bis ins 17. Jahrhundert reicht die Geschichte der Bregenzer Badekultur. Dokumentiert wurde die frühe Entwicklung des Badens vor allem durch Verordnungen und Verbote, die in Dokumenten im Stadtarchiv und später durch öffentliche Diskussionen in Zeitungen festgehalten sind. „Wenn alles rund läuft, findet man im schlimmsten Fall gar nichts“, wie Klagian erläutert. Doch „rund“ lief es nicht immer im Sinne der Obrigkeit und der katholischen Bürger, und so gab es 1644 die erste schriftliche Bregenzer Badeordnung, um das unsittliche Verhalten so mancher Badefreudigen einzudämmen. Festgelegt wurden fixe Badezeiten von 20 bis 21 Uhr, sowie zugewiesene Badeplätze jeweils für Männer und Frauen. Bis ins Ende des 19. Jahrhundert wurde damit versucht, gegen das „wilde Baden“ vorzugehen.

“Wenn alles rund läuft, findet man im schlimmsten Fall gar nichts”

Stadtarchivar Thomas Klagian

Die Hygiene war zu Beginn der alleinige offizielle Grund, sich ins Wasser zu wagen. Nach der Verbreitung der Pest im Dreißigjährigen Krieg war die Gesundheit der Menschen auch im Sinne der Obrigkeit, wie der Stadtarchivar erklärt. Die Bregenzer haben sich über die Jahrhunderte hinweg wohl nicht strikt an die Verordnung gehalten, denn diese musste wiederholt in Erinnerung gerufen und erneuert werden. Die Badeplätze wurden auch nach Bezirken festgelegt: Riedener hatten wie etwa auch Vorklostner ihre eigenen Orte.

„Johannesnasen“

Ein Kernthema der Schau sind die Bregenzer Badeanstalten. Als erste wurde 1825 die heute legendäre „Mili“ errichtet, die zuerst den Zweck einer Militärschwimmschule erfüllte. Seit 1920 wurde die „Mili“ dann für Mitglieder des neu gegründeten Bregenzer Schwimmclubs geöffnet. 1837 wurde die Dezel‘sche Badeanstalt gebaut, die allein Männern vorbehalten war. Als 1888 ein Sturm den Pfahlbau zerstörte, waren die Bregenzer nicht allzu traurig, meint Klagian. Darauf folgte nämlich die Errichtung der größeren Städtischen Badeanstalt, die in einen Bereich für Männer und Frauen geteilt wurde. Auch hier diente das Bad der Hygiene. Für Nichtschwimmer gab es sogenannte „Körbe“, in denen die Bregenzer einfach hineinsteigen konnten, und die sich je nach Wasserstand verstellen ließen, informiert Klagian.

Viele Anekdoten ranken sich um die Erhaltung der Sitte in den Badeanstalten, so waren auch die sogenannten „Johannesnasen“ ein Thema, wobei es sich um jene Wölbung handelt, die bei manchen Männern an der nassen Badehose sichtbar wurde – ein Gesprächsthema trotz der Trennung von Männern und Frauen, wie Klagian anmerkt.

Der Martinsturm.<span class="copyright"> Dietmar Stiplovsek</span>
Der Martinsturm. Dietmar Stiplovsek

Mit dem Aufkommen des Tourismus Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Baden als Freizeitvergnügen salonfähig, und Plätze zum Sonnen wurden errichtet. 1935 wurde das Strandbad eröffnet, das als besonders modern galt, und auf das die Bregenzer sehr stolz waren, erklärt der Stadtarchivar. Mit der Erneuerung des Strandbades 1979 und der Eröffnung des Hallenbades 1983 endet die Geschichte des Badens in der Schau.

Kein „Kulturkampf“

Sympathisch erzählt werden neben-Aspekte, wie die Revolutionierung der Bademode durch die Firma Benger und Söhne. Oder auch die Durchquerung des über 66 Kilometer langes Bodensees durch den einbeinigen Schweizer Leistungssportler Hans Schmid im Jahr 1971. Dass der „Kulturkampf“ um das Baden wie etwa in der Zeit des Nationalsozialismus ausgespart wurde, wie Klagian einräumt, lässt möglicherweise Schwerverdauliches aus – das würde aber vielleicht auch den Rahmen sprengen.

Zur Ausstellung

Bis 31. Oktober im Martinsturm, Bregenz. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag, jeweils von 10 bis 18 Uhr. Zur Schau ist auch das Begleitheft „Badejournal“ erhältlich.

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