Kultur

Spazierend einen Ort entdecken

15.07.2020 • 19:47 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Suat Ünaldi und weitere starke Darsteller in "Rheindorf".<span class="copyright"> Sarah Mistura</span>
Suat Ünaldi und weitere starke Darsteller in "Rheindorf". Sarah Mistura

Erfolgreiche Premiere von “Rheindorf” in Lustenau.

Wiesen und Spielplätze, eine große Straße und viel Verkehr, schmale Fußgängerwege, die zwischen sorgfältig umzäunten Privatgärten durchführen: Als ein Ort des Widerspruchs zeigt sich Rheindorf beim gleichnamigen theatralen Spaziergang, bei dem sich der Teilnehmer annähert an die Bewohner des Lustenauer Bezirks und ihren verschiedenen Perspektiven auf diesen Ort. Junge und Erwachsene sind Teil dieses Projekts, sie bringen den Gästen auf berührende Weise und mit einer großen Portion Humor Geschichten und Gedanken zu Rheindorf nahe, die beiden Profi-Schauspieler Michaela Spänle und Suat Ünaldi ergänzen die Gruppe. Regisseurin Brigitte Walk von walktanztheater.com hat sich so einiges einfallen lassen, und lässt hier verschiedene Elemente zu einem schönen Gesamterlebnis zusammenkommen. Es ist ein theatrales Projekt, das tatsächlich unmittelbar im Ort und inmitten der Bewohner stattfindet.

Problem Sesshaftigkeit

Los geht die Reise vor der Volksschule Rheindorf, drei Begleiter werden die Teilnehmer durch den Ort führen. Zuerst verweilt das Publikum im Pfarrsaal, die jungen und erwachsenen Darsteller in clownesken Kostümen blicken schon neugierig durch die Fenster, bevor sie eintreten. Autor Amos Postner hat geschickt Interviews von Bewohnern verarbeitet: Da gibt es die Jugendlichen, denen am Nachmittag oft langweilig ist und die nur Playstation spielen möchten, Rasenmäher-Roboter, die sich um die eingezäunten Grundstücke kümmern, ein Mann, der 20 Jahre lang seine Frau geschlagen hat, eine verwirrte Frau, deren Vater nicht vom Krieg zurückkehrte. Eine junge Frau erzählt, wie sie mit zehn Jahren allein mit dem Bus vom bosnischen Sarajevo nach Lustenau kam: sehr berührend. Die Choreografie von Claudia Grava bringt Struktur und Rhythmus in die Darbietung.

Links im Bild die Schauspielerin Michaela Spänle. <span class="copyright">Sarah Mistura</span>
Links im Bild die Schauspielerin Michaela Spänle. Sarah Mistura

Über einen Kiesweg gelangen die Spaziergänger zu einer Wiese, zuvor kommen sie an drei jungen Darstellern vorbei, die Weisheiten über die Gemeinde verbreiten: Lustenau habe die Problematik der Sesshaftigkeit geschickt gelöst, indem es das Zentrum unauffindbar gemacht habe, ist etwa im Vorbeigehen zu vernehmen. Dann ein kurzer Halt, denn in der Wiese startet die erste Performance der jungen Lustenauer Turnerinnen: Dabei immer wiederkehrend ein Gummiband, als ob die jungen Menschen hin- und hergezogen werden, eingebunden sind in die örtlichen Gegebenheiten. Fast wie Akrobaten türmen sich die Darsteller bei der nächsten Station in der Sandstraße auf.

Ankommen

Eine musikalische Reise in die türkische Kultur gibt es bei der nächsten Station an einer schönen, leerstehenden Villa. Ünaldi singt ein Volksmärchen, die Alaturka Musikcombo spielt dazu. Vor der „culture factor y“ der Offenen Jugendarbeit Lustenau wird wieder Theater gespielt: Spänle schlüpft in die Rolle einer schwangeren Frau, die mit ihrem Mann nach Lustenau gezogen ist. Während er arbeitet und alles gut findet, haben sie und ihr kleiner Sohn Schwierigkeiten anzukommen. Ünaldi wiederum vermittelt die Situation eines Sohnes eines „Gastarbeiters“ – doch trifft der Begriff zu für einen Mann, der 45 Jahre in Lustenau gelebt und gearbeitet hat? Ist er nun ein „Gastpensionär“, wird er in den Augen anderer immer ein Gast bleiben? Überhaupt: Wie lässt sich über einen Ort sprechen, in dem man sich selbst befindet? braucht man dazu nicht einen Blick von außen, wie auf eine Landkarte? Diese Station ist ein Schlüsselmoment dieses Projekts und wunderbar gestaltet. Bemerkenswert ist auch, auf welchem Niveau die jungen Darsteller agieren, und wie die große Gruppe koordiniert ist.

Jugendliche und Erwachsene sind dabei. <span class="copyright">Sarah Mistura</span>
Jugendliche und Erwachsene sind dabei. Sarah Mistura

Nach einem lyrischen Intermezzo mit Hannes Grabher geht es zum Endpunkt: Im Hof der Volksschule werden drei Gruppen im Rotationssystem bedient mit witzigen Zahlenspielen über Rheindorf. Ein würdiger Abschluss für diese schöne Reise!

Weitere Termine

Rheindorf“. Weitere Aufführungen: 16., 17., 18., und 20. Juli, jeweils um 19.30 Uhr. Treffpunkt Volksschule Rheindorf. Infos: www.walktanztheater.com. Tickets gibt es unter www.laendleticket.com.