Kultur

Spuren eines besonderen Orts

07.08.2020 • 20:04 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Werk von Anish Kapoor. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Werk von Anish Kapoor. Klaus Hartinger

25 Jahre Kunst in der Johanniterkirche.

Wer aus der Marktgasse in die Johanniterkirche inmitten von Feldkirch tritt, gelangt in eine andere Welt. Aus dem regen Treiben der Stadt findet sich der Besucher plötzlich in einer Kühle und Stille wieder, einem sakralen Raum, der sich stets auf eine neue, außergewöhnliche Weise mit zeitgenössischer Kunst verbindet. Kein vergleichbarer Ort in der Region vermag es, auf diese Art den Menschen in einen sinnlichen und gleichzeitig geistlichen Raum zu versetzen. Zu den rund 30.000 Besuchern pro Jahr zählen viele spontane Gäste – Touristen etwa, die womöglich sonst keinen Zugang zu Kunst haben. Das Eintrittsgeld ist freiwillig, allein durch Förderungen von insgesamt 50.000 Euro können jedes Jahr, meist vier, außergewöhnliche Ausstellungen realisiert werden.

Bild von Christoph Luger im Zusammenspiel mit der Wandbemalung.  <span class="copyright">Lisa Kammann</span>
Bild von Christoph Luger im Zusammenspiel mit der Wandbemalung. Lisa Kammann

Seit 25 Jahren wird die Kirche, die viele Jahre zuvor unbenutzt im Dunkeln schlummerte, für Neugierige und Künstler geöffnet. Zu diesem Jubiläum brachten Kurator Arno Egger und die für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortliche Autorin und ehemalige ORF-Journalistin Karin Guldenschuh ein Buch heraus, das viel mehr ist als ein Katalog. Hier wird aus mehreren Perspektiven die besondere Geschichte des Ortes aufgeblättert – es ist eine spannende Zeitreise, die nicht nur durch die zahlreichen Kunstprojekte führt, welche die Kirche in einem stets neuen Licht erscheinen lassen. Der Titel „Dem Ort auf der Spur“ ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen.

Grabsuche

Seit Beginn der 1980-er Jahre klafft, wie ein geöffneter Brustkorb, eine Ausgrabungsstätte im Boden des Hauptschiffs. Die Archäologin Nadine Alber-Geiger begiebt sich in ihrem Beitrag auf Spurensuche. Sie ist eine Schülerin des damaligen Ausgrabungsleiters Hannsjörg Ubl. Fast 34 Jahre nach Abschluss der Grabungen im Jahr 1986 erhielt sie Zugang zu den Grabungstagebüchern und weiterem Material von Ubl, das in einem Keller in Mauerbach, in einer Außenstelle des Bundesdenkmalamtes bei Wien entdeckt wurde. Der Anlass der Grabungen: Die Diözese erwägte, die Kirche in ein Diözesanmuseum umzuwandeln. Ziel war es, davor die älteste Bausubstanz der Kirche zu datieren, sowie das Grabmal des Kirchenstifters Hugo I. (gestorben 1228) zu finden.

Auch Künstlerin Carol Wyss beschäftigte sich mit dem Ort. <span class="copyright">Lisa Kammann</span>
Auch Künstlerin Carol Wyss beschäftigte sich mit dem Ort. Lisa Kammann

Aufzeichnungen des Gelehrten Pater Gabriel Bucelin, der im 17. Jahrhundert Prior in St. Johann war, gaben den heißen Tipp für eine Verortung des Grabes, das jedoch nicht die ursprüngliche Grabplatte aufwies, welche bis heute verschollen ist. Im Verlauf der Grabungen verloren die Auftraggeber, sowie die Stadt Feldkirch, wohl das Interesse an den Forschungen, und durch Unstimmigkeiten mit diesen verließ Ubl die Stadt, wie Egger im Gespräch erzählte. Die 25 gefundenen Gräber sind somit weiter offen, die Urkirche bleibt bis heute undatiert.

Jun Tomita war ebenfalls zu Gast. <span class="copyright">NEUE/Wolfgang Ölz</span>
Jun Tomita war ebenfalls zu Gast. NEUE/Wolfgang Ölz

Der Historiker Alois Niederstätter verschafft einen Überblick über die Geschichte der Kirche, die im Verlauf der Jahrhunderte mehrmals Besitzer und Funktion wechselte. Auch hier ist Bucelin, der unter anderem wertvolle Zeichnungen und Aquarelle des Geländes hinterließ, eine Quelle. Zuletzt diente der Bau bis 1969 als Gymnasialkirche der Jesuiten, von den 1970er-Jahren an blieb er geschlossen – und das wäre ohne das beherzte Engagement der Initaitorin der Ausstellungsprojekte Johanniterkirche, der 2017 verstorbenen Eva Jakob, wohl auch heute noch so.

Kirche und Kunst

In diesem Setting sind nun also die Künstler gefordert, sich mit dem Raum auseinanderzusetzen. Ignorieren lässt sich die Kirche jedenfalls nicht für die Kunstschaffenden, wie Egger betont, der hinzufügt, dass die Kirche weiterhin ein sakraler Raum ist. Mit dieser besonderen Beziehung von Kirche und Kunst setzt sich Bischof Benno Elbs aus einer theologischen Perspektive auseinander, während Thomas D. Trummer als Direktor des Kunsthaus Bregenz naturgemäß den kunsthistorischen Blick innehat. Unter anderem ist es der neugotische Hochaltar, der dem Kunstexperten als Inspiration seiner Betrachtungen dient.

"Tragic Flute" von David Pountney. <span class="copyright">NEUE</span>
"Tragic Flute" von David Pountney. NEUE

Trummer beschreibt auch jene Projekte, die in Kooperation mit dem KUB realisiert wurden: Der britisch-indische Künstler Anish Kapoor setzte 2003 eine spiegelnde „Wunderkugel“ (Trummer) in die Mitte des Kirchenschiffs, das kanadische Künstlerduo Janet Cardiff und George Bures Miller ließ eine historische Motette über 40 Lautsprecher ertönen. Michael Craig Martin irritierte, als er 2006 profane Objekte rund um den Altar dominieren ließ, Jenny Holzer platzierte einen riesigen Pfahl unter das Deckengemälde.

Zum Buch

Arno Egger, Karin Guldenschuh (Hg.). Dem Ort auf der Spur. Eigenverlag Ausstellungsprojekte Johanniterkirche, 200 Seiten, rund 35 Euro. Limitierte Auflage von 1200 Stück.Rahmenprogramm: Heute um 11 Uhr, und am Freitag, den 17. September um 17 Uhr, gibt es eine Kuratorenführung mit Arno Egger. ab 19. August wird ein Film von Annette Philp gezeigt.

Weitere Projekte als „Highlights“ aus dem vergangenen Programm herauszuheben ist schwer, erwähnt sei hier noch das Spektakel, als der damalige Festspiele-Intendant David Pountney 2013 das Hauptschiff der Kirche mit Wasser flutete. Theater gab es außerdem – schon im Gründungsjahr des Kunstprogramms 1995, als Dietmar Nigsch den Monolog „Ich, ein Jud“ von Walter Jens performte. So manches Mal wurden auch die Grenzen ausgelotet, was in einer Kirche alles „geht“.

Ob kunstaffin, gläubig oder nicht – der Eintritt in die Johanniterkirche ist immer ein Erlebnis. Das wird auch die nächste KUB-Kooperation sein: Am 26. September zeigt der Österreicher Oliver Laric ein Werk, extra für die Kirche entwickelt.

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