Kultur

Wenn eine Kantine zur Galerie wird

11.08.2020 • 17:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bis Herbst hängen die Werke im Kaplan-Bonetti-Haus. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Bis Herbst hängen die Werke im Kaplan-Bonetti-Haus. Klaus Hartinger

“Kunst in der Kantine” gibt es im Dornbirner Kaplan-Bonetti-Haus.

Alltagsbilder sind die aktuellen Kunstwerke für die Kantine des Kaplan-Bonetti-Hauses in Dornbirn. Die Künstlerin und Kunstpädagogin May-Britt Nyberg Chromy hat mit fünfzehn Bewohnern in neun Workshops den Essensraum der Institution in eine Galerie verwandelt. Es gibt jetzt „Kunst in der Kantine“, wie sich das Projekt nennt.

Bonetti-Geschäftsführerin Cornelia Matt (2.v.l.) und May-Britt Nyberg Chromy (4.v.l.).<span class="copyright"> Wolfgang Ölz</span>
Bonetti-Geschäftsführerin Cornelia Matt (2.v.l.) und May-Britt Nyberg Chromy (4.v.l.). Wolfgang Ölz

Nyberg Chromy wurde eingeladen, nach Gernot Bösch nun diesen Raum zu bespielen. Die Künstlerin nutzte die Einladung, nicht selbst ihre Werke auszustellen, sondern die Menschen, die hier im Kaplan-Bonetti-Haus vorübergehend ein Zuhause finden, anzuregen, selbst kreativ aktiv zu werden. Neben Bewohnern waren Klienten der Beratungsstelle genauso beteiligt, wie Menschen aus dem Projekt für Langzeitarbeitslose und sogar ein Stammmitarbeiter.

Große Wertschätzung

Die Kantine wurde dafür zum offenen Atelier, zu einem neuen Kommunikationszentrum, wo sich die einen künstlerisch versuchten und die anderen miteinander über den Alltag ins Gespräch kamen. Alltagsgegenstände wie Wäscheklammern, leere Bierdosen oder Bonbonpapierchen wurden gesammelt, auf Leinwände geklebt, mit einer effektvollen einfarbigen Malschicht überzogen und dann so an die Wand gehängt. Ein Kunstgriff, der in den 1960er Jahren den damals jungen Schweizer Künstler Daniel Spoerri weltberühmt machte und ihm einen fixen Platz in der Kunstgeschichte bescherte.

Eine Zigaretten-Gollage von Gerd Neswadba. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Eine Zigaretten-Gollage von Gerd Neswadba. Klaus Hartinger

Das ist aber im Bonetti-Haus unwichtig, denn, so Nyberg Chromy, es geht gar nicht um Kunst, sondern vielmehr um Farben, Formen, um den Alltag, Gespräche über Musik, Kochen, das Leben an sich. Dass dabei der Spaß und die Freude nicht zu kurz kommen, versteht sich von selbst, denn die Künstlerin versteht es, auf liebevolle Weise die Menschen einzubinden und ihnen in großer Wertschätzung vor ihren zum Teil von viel Härte und Grausamkeit gezeichneten Schicksalen zu begegnen.

Kunstvolles aus Alltagsgegenständen.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Kunstvolles aus Alltagsgegenständen. Klaus Hartinger

Gerd Neswadba hat sich einen Jux erlaubt und seine Lieblingsbonbons „Nimm 2“ regelmäßig auf eine Fläche geklebt. Außerdem hat er ein Mahnmal gegen die Nikotinsucht geschaffen: Ein über und über mit Zigarettenstummeln bedecktes Bild. Helga M. begeistert sich für ihre Spirale aus Putzschwämmchen, denn Sauberkeit ist für sie ein zentrales Thema ihres Alltags. Dazu liefert sie ein Sprachspiel frei Haus: „Unterhaltsame Sauberkeit, saubere Unterhaltung – ein unendliches Ritual“. 

Partizipation

Ruth Feldmeier hat Wäscheklammern im Kreis gruppiert, weil sie sagt, dass sie in ihrem Leben bereits sehr viel Wäsche aufgehängt hat. Bragi Zedrosser hat bei einem Gemeinschaftswerk mitgemacht, bei dem leere Bierdosen mit einer roten Farbe überzogen wurden. Er kann über die Kunst sein eigentlich sonniges Gemüt ausdrücken.

Die Workshop-Teilnehmer hatten Spaß. <span class="copyright">Wolfgang Ölz</span>
Die Workshop-Teilnehmer hatten Spaß. Wolfgang Ölz

Bei der Eröffnung zur Ausstellung „Alltagsbilder“ erinnerte sich die Bonetti-Geschäftsführerin Cornelia Matt daran, wie sie 2016 erstmals die Kantine ihrer Einrichtung betreten habe und gleich wegen der grellweißen Wände an einen Operationsaal denken musste. Kunstkritiker Karl Heinz Pichler sieht nun eine gemütliche Lokalität, wo man sich ungezwungen zum Mittagessen treffen kann.

Die Ausstellung „Alltagsbilder“ ist bis Herbst in der Kantine des Kaplan-Bonetti-Hauses in Dornbirn zu sehen.

Alle Beteiligten sind sich einig: Die Reihe „Kunst in der Kantine“ sollte auf jeden Fall fortgesetzt werden. Partizipationsprojekte, also die Beteiligung von kunstfernen Menschen an Kunstprojekten, wie sie in der zeitgenössischen Kunst seit Joseph Beuys eine schöne Tradition haben, könnten auch die soziale Landschaft in Vorarlberg positiv befeuern.

Wolfgang Ölz

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