Kultur

Aufbruch nach der Schockstarre

13.08.2020 • 08:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Elisabeth Sobotka vor der See-Tribüne. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Anja Köhler</span>
Elisabeth Sobotka vor der See-Tribüne. Bregenzer Festspiele/Anja Köhler

Elisabeth Sobotka, Intendantin der Bregenzer Festspiele, im Interview.

Vor kurzem bezeichneten Sie die Zeit seit dem Corona-Lockdown als eine „schwere, bewegte, und manchmal schöne“ Zeit. Was fiel Ihnen besonders schwer, und worin lagen die schönen Momente?
Elisabeth Sobotka: Zuerst war es ein Schock. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass von einem Tag auf den anderen die Welt einfach zusperrt. Es war eine sehr schwere Zeit, und je länger sie gedauert hat, umso klarer wurden mir die dramatischen Folgen. Ich habe zuerst gedacht, wir können spielen. Zum Glück hat mich mein Kollege Michael Diem (Geschäftsführer der Bregenzer Festspiele, Anm.) immer wieder auf den Boden der Tatsachen geholt und gefragt: „Was machen wir, wenn wir nicht spielen können?“ Und da haben wir sehr früh entschieden, dass im Fall einer Absage „Rigoletto“ 2021 gespielt und „Madame Butterfly“ um ein Jahr verschoben werden würde.

Sobotka bei der Absage der Bregenzer Festspiele 2020. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Lisa Mathis</span>
Sobotka bei der Absage der Bregenzer Festspiele 2020. Bregenzer Festspiele/Lisa Mathis

Und die schönen Aspekte?
Sobotka: Zu dieser Zeit begannen die ersten schönen Momente, denn im direkten Dialog mit den Künstlerinnen und Künstlern war die Schockstarre vorbei. Wir haben mit jedem Mitwirkenden Kontakt ge­habt und bereits frühzeitig die Möglichkeit einer eventuellen Verschiebung angekün­digt. Dadurch konnten wir auch so zeitnah am 15. Mai absagen, nachdem am selben Tag die Bundesregierung die Auflagen bekannt gab. Eine ganz positive Sache war für mich die Vorbereitung der Festtage. Nach dem Schock hat das Leben wieder begonnen. Es gab Gespräche mit den Teams, speziell mit Elisabeth Stöppler zur Uraufführung von „Impresario Dotcom“, die ja bei den Festtagen die komplexeste Produktion ist. Und dabei langsam wieder Perspektiven zu sehen – da war wieder Aufbruchstimmung da.

“Der schlimmste Tag war jener, an dem wir die Saison abgesagt haben.”

Elisabeth Sobotka

Welches war der schwerste Moment?
Sobotka: Der schlimmste Tag war mit Sicherheit jener, an dem wir die Saison abgesagt haben. Man kann natürlich sagen, dass ich das schon vorher befürchtete, aber man kann sich den Moment nicht vorstellen, bis er gekommen ist. Wir können froh sein, dass wir gesund sind, aber in jeder Spielzeit stecken so viel Arbeit, Herzblut und Energie drin – Geld natürlich auch. Jedes Projekt, auch jedes kleine, ist mit viel Sorgfalt, Umsicht und Betreuung geboren. Deshalb hat es mir auch so gutgetan, dass wir uns entschlossen haben, das gesamte Programm zu verschieben. Dadurch war der Übergang auch emotional ein wenig angenehmer.

Festtage im Festspielhaus

Rund 60 Prozent der Tickets für die „Festtage im Festspielhaus“ sind bereits gebucht. Ausverkauft sind bislang das KUB-Konzert und die „Musik & Poesie“-Abende. Tickets: www.bregenzerfestspiele.com

Ist das Projekt Festtage im Laufe der Zeit gewachsen? Zu Beginn war lediglich von einem „künstlerischen Lebenszeichen“ die Rede.
Sobotka: Das Lebenszeichen wollten wir immer, auch wenn es noch unfertig gedacht war. Die Hoffnung, spielen zu können, war bei mir ja lange noch vorhanden. Mir war sehr wichtig, dass mindestens ein Mal die Wiener Symphoniker kommen. Es ist unser Hausorchester, und die Verbindung ist sehr gut. Philippe Jordan verlässt bald die Symphoniker, wir wollten einen Abschied von ihm möglich machen. Zuerst habe ich noch gedacht, wenn wir kein Publikum haben dürfen, dann übertragen wir aus dem Haus. Das Schönste, was wir tun könnten, ist gleichzeitig das Unmöglichste: einen Platz zu bespielen. Aus diesem Verstehen heraus, was aus diesen Grundlagen, die das Gesetz vorgibt, möglich ist, sind dann die Festtage in dieser Form gewachsen. Wir haben acht Tage eingeplant, so wie es bei den ersten Festspielen 1946 ursprünglich war, ungefähr in diesem Zeitraum. Also gab es auch da einen Anknüpfungspunkt.

Probenfoto zu "Impresario Dotcom" .<span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Fabio Stoll</span>
Probenfoto zu "Impresario Dotcom" .Bregenzer Festspiele/Fabio Stoll

Wie ist es zu der Entscheidung gekommen, mit „Impresario Dotcom“ eine Musiktheater-Produktion zu zeigen?
Sobotka: Mein Wunsch war, dass wir in irgendeiner Form Musiktheater schaffen. In den Gesprächen mit dem Team und mit der Komponistin (Lubica Cekovská, Anm.) hat sich herausgestellt, dass es funktionieren könnte. Ohne eine so begeisterte Partnerin wie Elisabeth Stöppler (Regie, Anm.) wäre dieses Projekt nicht zustande gekommen. Wir hatten ein paar Projekte überlegt, die alle zu aufwendig und komplex gewesen wären, hier geht es mit einem kleineren Orchester. Der Impuls von Elisabeth Stöppler, zu sagen, wir schaffen das mit wenig Ressourcen und ohne Bühnenbild, war ausschlaggebend für uns. Und es ist das, wofür wir da sind.

Gibt es im nächsten Jahr eine weitere zeitgenössische Produktion – neben Alexander Moosbruggers „Wind“, das uraufgeführt werden wird?
Sobotka: Ja, es wird ein zweites zeitgenössisches Stück geben, aber welches, das verrate ich noch nicht (lacht).

Auch Mélissa Petit ist bei den Festtagen dabei. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis</span>
Auch Mélissa Petit ist bei den Festtagen dabei. Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

Einen Hauch von „Rigoletto“ werden wir mit einem Verdi-Abend mit Anna Princeva und mit einem Konzert mit Mélissa Petit und „Rigoletto“-Dirigent Enrique Mazzola ja auch erleben.
Sobotka: Es gibt Sänger, die können nächstes Jahr nicht nach Bregenz kommen, wie Anna Princeva, die eine der beiden Hauptrollen in „Nero“ gesungen hätte. Sie ist eine wunderbare, charismatische Künstlerpersönlichkeit. Es gibt mit den Verdi-Arien natürlich einen sehr starken Blick auf den See. Es ist eine Referenz auf unsere Seebühne. Genauso wunderbar ist es, dass Mélissa Petit kommen kann. Sie war unsere erste Gilda, eine unserer Stars. Auch sie wird nächstes Jahr wahrscheinlich nicht mehr dabei sein.

Zur Person

Elisabeth Sobotka wurde am 7. Oktober 1965 in Wien geboren. Seit 2015 ist sie Intendantin der Bregenzer Festspiele, davor war sie unter anderem Chefdisponentin der Wiener Staatsoper und Intendantin der Grazer Oper.

Sind Sie mit dem Programm der Festtage nun glücklicher gestimmt?
Sobotka: Absolut, das kann man gar nicht vergleichen. Natürlich, an einem so strahlenden Tag wie heute wird mir schon schwer ums Herz. Es fehlt der belebte Vorplatz, wenn alles summt und brummt, aber genau das macht es so unmöglich. Genau das, was so wichtig ist – dass wir uns ganz frei und offen, in großer Gemeinschaft auf so ein Abenteuer einlassen können, das geht am wenigsten. Und so gesehen bin ich sehr froh und dankbar, dass wir diese Festtage auf die Beine stellen konnten. Ich danke auch den Künstlerinnen und Künstlern, die dafür einen Covid-19-Test machen mussten.

"Rigoletto" kommt im nächsten Jahr wieder. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
"Rigoletto" kommt im nächsten Jahr wieder. Klaus Hartinger

Verkürzt formuliert: Was ist die Corona-Krise für Sie, eine Chance oder eine Katastrophe?
Sobotka: Ich kann mich da nicht ganz festlegen. Wenn man erfährt, dass es Menschen gibt, die mit der Situation gar nicht zurande kommen, sei es gesundheitlich oder sozial, dann ist das furchtbar. Am Anfang haben wir geglaubt, Corona ist der große Gleichmacher, aber das stimmt nicht. Es werden wieder die Armen härter getroffen als die anderen. Die Krise ist nicht gut für uns – Vielleicht kann etwas Gutes daraus erwachsen, aber zu sagen, es ist gut, dass es Corona gibt, davon bin ich meilenweit entfernt. Auch die Freiheit ist ein hoher Preis.

“Wenn wir nicht kommunizieren können, werden wir unglücklich.”

Elisabeth Sobotka

Wie haben Sie die Lockdown-Phase persönlich erlebt?
Sobotka: Ich lebe in Bregenz mit meinem bald 16-jährigen Sohn und mit meiner 83-jährigen Mutter zusammen. Es war schwer, weil bei uns die beiden Extreme zusammengekommen sind: Ganz jung und eher ungefährdet, und ganz alt und sehr gefährdet. Wo ist die Schleuse, und wie funktioniert das mit den ersten Besuchen? Da sieht man die Krise noch einmal ganz anders. Wir haben es trotzdem gut hingekriegt, glaube ich. Der Shutdown und die Reduzierung des öffentlichen Lebens waren richtig. Aber wir sollten aus dieser Gruppenzuschreibung zwischen Jung und Alt wieder wegkommen. Das tut den Menschen nicht gut. Ich glaube, Kommunikation ist der Schlüssel, wir sind soziale Wesen. Und wenn wir das nicht können, dann werden wir unglücklich.

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