Kultur

Zarte Klänge und große Gefühle

16.08.2020 • 20:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mélissa Petit und Enrique Mazzola im Festspielhaus. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis</span>
Mélissa Petit und Enrique Mazzola im Festspielhaus. Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

Zwei Konzerte am Sonntag bei den “Festtagen im Festspielhaus”.

Corona tut dem leidenschaftlichen Engagement der Musiker bei den „Festtagen im Festspielhaus“ keinen Abbruch: In kleinerer Besetzung und mit etwas größeren Abständen zwischen den Pulten – jeder hatte ein eigenes – lief das Symphonieorchester Vorarlberg (SOV) unter dem Dirigenten Enrique Mazzola am Sonntagvormittag zu Hochform auf.

Die Sopranistin Mélissa Petit versetzte das Publikum vom sommerlichen Bodensee mit den „Chants d’Auvergne“ von Joseph Canteloube in ihre südfranzösische Heimat. In den vergangenen Festspieljahren war sie als Micaëla in „Carmen“ durch die „Felsen“ geklettert und war mit Rigolettos Ballon in den Nachthimmel aufgestiegen, nun gab sie sich ganz charmant mit den Liedern, die in okzitanischer Sprache von Natur, Sonne, Hirten und Schäferinnen, Liebe und Sinnlichkeit erzählen.

Quicklebendig

Mit ihren zahlreichen Solostimmen für die Bläser, für den Konzertmeister Pawel Zalejski oder die Cellistin Cäcilia Chmel sind die „Chants d’Auvergne“ zauberhaft und atmosphärisch instrumentiert, sie lassen das südliche Licht und die Hitze spüren. Mit leichter, beweglicher Sopranstimme und dezenter Körpersprache gestaltete Petit die zarten Dialoge, die oft in vieldeutige Tonsilben und Refrains münden. Das Publikum erlebte eine fein gestimmte Einheit von Text, Musik und Sängerin und mit Enrique Mazzola einen Dirigenten, der das alles mit dem SOV inspiriert ausbalancierte.

Konzert mit dem Symphonieorchester Vorarlberg.<span class="copyright"> Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis</span>
Konzert mit dem Symphonieorchester Vorarlberg. Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

Beethovens kraftvolle, dynamische und tänzerische siebte Symphonie fegte diese zarten französischen Klänge freilich hinweg, doch in der Erinnerung kehren sie zurück. Mazzola, der in Spanien geborene Italiener mit der roten Brille und den roten Schnürsenkeln, formte die Anfangsakkorde breit und in einem großen Schwingen aus, daraus wuchs der jubelnde Freudentanz des Kopfsatzes hervor. Gespannt und quicklebendig agierte das Orchester mit ihm. Beethovens große dynamische Gegensätze zeigten sich im aus den Tiefen und aus dem Pianissimo aufsteigende Trauermarsch, behutsam fächerten sich die Stimmen auf, führten in großen Bögen zu Höhepunkt und Versinken.

Am Dienstagabend geht es weiter im Programm mit dem ausverkauften Konzert „Vocal Distancing“ im Kunsthaus Bregenz. Dabei gibt es eine Besetzungsänderung: Statt Hanna Herfurtner wird Sopranistin Johanna Zimmer auftreten. Am Donnerstag feiert als Komödie das Musiktheater „Impresarion Dotcom“ seine Uraufführung, es folgt eine weitere Aufführung am Freitag. Tickets gibt es noch für beide Termine, sowie für das Abschlusskonzert am Samstag: www.bregenzerfestspiele.com

Im Scherzo führte Mazzola das SOV in brausendem Tempo, mit genießerischem Verweilen und geschärften Trompetenakzenten im Triosatz. Als er das Schwungrad des Finalsatzes in Gang setzte, steigerte sich das Tempo mit jeder Umdrehung noch mehr – trotzdem klang nichts überhastet, sondern präzise, voller Spielfreude auf der Stuhlkante musiziert.

Wandlungsfähig

Große Oper gab es dann am Sonntagabend mit Anna Princeva, der russischen Sopranistin, die in diesem Sommer in Arrigo Boitos „Nerone“ hätte auftreten sollen, und wieder mit Mazzola, der diesmal Musiker des Sinfonieorchesters St. Gallen dirigierte. In Instrumentalstücken und Arien aus Opern von Verdi, Bellini, Bizet und Puccini offenbarte sich seine Erfahrung in der einfühlsamen Begleitung von Stimmen, aber auch in der atmenden Gestaltung von Melodien.

"Viva Verdi - Viva L'Opera" hieß es am Sonntagabend. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis</span>
"Viva Verdi - Viva L'Opera" hieß es am Sonntagabend. Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

So wie sich Princeva auf ihren Künstlerfotos in verschiedensten Posen gibt, zeigt sich auch ihre Stimme enorm wandlungsfähig für die Darstellung der Charaktere: entrückt schwebend gleich mit der Arie der Norma, in flutenden Bögen als Leonore im „Troubadour“, mit leuchtenden Koloraturen in der großen Szene der Violetta in „La Traviata“. Als Aida präsentiert sie den großen Ambitus ihrer Stimme – wobei sie mit dieser Partie vielleicht noch vorsichtig sein sollte –, als Cho-Cho San in „Madame Butterfly“ vereint sie mädchenhafte Zartheit mit großen Gefühlen. Dazu passt auch ihre Bühnenpräsenz in prächtiger Robe: So war für Auge und Ohr viel geboten!

Katharina von Glasenapp

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