Kultur

Mit Karl Kraus ins Wien von damals

18.08.2020 • 21:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Karl Markovics las Texte von Karl Kraus. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Anja Köhler</span>
Karl Markovics las Texte von Karl Kraus. Bregenzer Festspiele/Anja Köhler

“Musik & Poesie”-Abend mit Literatur und “Weana Tanz”.

Wiener Luft wehte durch das Seestudio beim ersten, lange zuvor ausverkauften „Musik & Poesie“-Abend der „Festtage im Festspielhaus“. Die Reise führte in das Wien in einer historisch denkwürdigen Phase, als die Monarchie ihre letzten Jahre bestritt. Und wer vermochte es, ein schärferes Stimmungsbild dieser Zeit abzugeben, als Karl Kraus? Karl Markovics, der nach der Inszenierung von Thomas Larchers „Das Jagdgewehr“ 2018 erneut in Bregenz zu Gast war, ließ ausgewählte Essays und Glossen des Schriftstellers und Satirikers aufleben. Gemeinsam mit den musikalischen Zuckerln der Neuen Wiener Concert Schrammeln entstand ein kurzweiliger Abend, der ein sehr sinnliches und gefühlsbetontes Panoptikum des Wien von damals vermittelte.

Mit dabei: Die Neuen Wiener Concert Schrammeln. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Anja Köhler</span>
Mit dabei: Die Neuen Wiener Concert Schrammeln. Bregenzer Festspiele/Anja Köhler

Der Schauspieler und Regisseur Markovics ließ die Zuhörer meisterlich Kraus’ typische, an Überspitztheit und sprachlicher Virtuosität kaum zu überbietende Pointen erleben. Dieser Abend war tatsächlich mehr ein Erleben als ein Erfahren: Das Programm führt direkt in Kraus‘ Werk hinein, ohne einen biografischen und historischen Rahmen zu ergänzen. Betont wurde die Satire, der bissige Witz – zum Amusement des Publikums. Zusammen mit dem Quartett, das „Weana Tanz“ zum Besten gab und auch andere bekannte Melodien „verschrammelte“, ist dies ein durch und durch stimmiges Konzept.

„Tramhappert“

Kraus war ein scharfer Kritiker der Presse, unter anderem, da der Boulevard schamlos die Sensationsgier der Menschen bediente. Für den „Fackel“-Autor bezeichnet irrationale Schaulust das Volk, bei welchem „ein gefallenes Droschkenpferd größeres Aufsehen erregt hat als eine gestürzte Regierung“, wie im Text „Der Festzug“ anschaulich gemacht wird. Nach dreißig Jahren ohne „Straßenexzess“ dürsten die Wiener nach einem unmittelbar erfahrbaren Spektakel. Es braucht einen Festzug durch die Stadt – und wenn schon nicht aufgrund eines Sieges, dann anlässlich eines Gedenktags. Das dafür zuständige „Festzugskomitee“ hat ebensolange darauf hin gearbeitet, die Enttäuschung und Entrüstung ist groß, als das Ereignis von allerhöchster Stelle nicht genehmigt wird.

Mitreißend: Karl Markovics.<span class="copyright"> Bregenzer Festspiele/Anja Köhler</span>
Mitreißend: Karl Markovics. Bregenzer Festspiele/Anja Köhler

Wie Markovics sich regelrecht echauffiert, wenn er zur Stimme von Kraus und seinen Figuren wird, ist mitreißend. Der ganze Körper des Schauspielers ist im Einsatz, etwa wenn Kraus die Unfähigkeit der Wiener aufzeigt, sich sicher auf den Straßen zu bewegen: „Tramhappert“ gehe der Wiener dahin, „um nichts zu suchen als den Tod“.

Der Pelz

Die Welt richtet sich nach der Journaille – nicht umgekehrt, so die Diagnose des 1936 verstorbenen Schriftstellers. „In Lob der verkehrten Lebensweise“ skizziert er eine Möglichkeit, sich dem durch Morgen- und Abendblatt getakteten Tagesrhythmus zu entziehen. „Wer den halben Tag verschläft, hat das halbe Leben gewonnen“: Es sind Sätze wie diese, die nahebringen, dass Argument und Sprachkunst in Kraus’ Werk ineinandergreifen.

Auch im Einsatz: Die Kontragitarre. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Anja Köhler</span>
Auch im Einsatz: Die Kontragitarre. Bregenzer Festspiele/Anja Köhler

Ein humoristischer Höhepunkt war zweifelsohne, als Markovics „Der Biberpelz“ las. Der Schreiber gelangt dabei ungewollt in das Zentrum des Interesses der Wiener Gesellschaft, als ihm im Kaffeehaus ein Pelz gestohlen wird. Seine Hoffnung liegt darin, dass er mit der Herausgabe eines neuen Buchs wieder in Vergessenheit geraten würde. Auch die Neuen Wiener Concert Schrammeln sorgten für Erheiterung, etwa als sie Richard Wagners „Tannhäuser“ Ouvertüre interpretierten – auf ihre ganz eigene Art und Weise. Weitere Werke etwa von Arnold Schönberg, Jacques Offenbach, oder eine Eigenkomposition von Peter Havlicek (Kontragitarre) machten den Abend komplett.

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