Kultur

Auf der Bühne fehlt die Nähe

19.08.2020 • 19:46 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Probenfoto von "Impresario Dotcom". <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Fabio Stoll</span>
Probenfoto von "Impresario Dotcom". Bregenzer Festspiele/Fabio Stoll

Am Donnerstag wird “Impresario Dotcom” bei den Festtagen uraufgeführt.

Vor rund vier Jahren, nachdem die Regisseurin Elisabeth Stöppler das erste Mal mit dem zeitgenössischen Musiktheaterstück „Der goldene Drache“ von Peter Eötvös bei den Bregenzer Festspielen zu Gast war, entstand die Idee zu „Impresario Dotcom“. Laura Olivi schrieb daraufhin das Libretto, Lubica Cekovská komponierte das Werk, welches kurz vor dem Lockdown in diesem Frühjahr druckfrisch vorlag – und dann kam die Corona-Pandemie. Was in vielen Fällen zu Absagen oder Verschiebungen geführt hat, ergab in diesem Fall eine neue Version: Das Musiktheater-Werk wird heute in einer „Fassung für Bregenz 2020“ im Rahmen der „Festtage im Festspielhaus“ zur Uraufführung kommen. Das Vertrauen und die gute Kommunikation unter allen Beteiligten habe dies möglich gemacht, erklärt Stöppler im Gespräch.

Regisseurin Elisabeth Stöppler im Gespräch. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Regisseurin Elisabeth Stöppler im Gespräch. Dietmar Stiplovsek

Die Bedingungen, unter denen in Zeiten von Corona auf und hinter der Bühne gearbeitet werden kann, wurden in die neue Fassung sozusagen eingespeist, sagt die Regisseurin: „Das Abstand-Nehmen, ,social and physical distance‘ sind Teil der Konzeption geworden.“ Da innerhalb der Aufführungen keine Pausen möglich sind, wurde das Stück um 40 Minuten auf eineinhalb Stunden gekürzt – eine radikale Reduktion. Doch diesem Umstand kann Stöppler etwas Positives abgewinnen; so musste das Regie-Team das Wesentliche aus dem Stück herausfiltern, alles auf den Kern herunterbrechen, um diese Geschichte mit basischen theatralen und musikalischen Mitteln erzählen zu können. Als „unglaublich beglückend und intensiv“ bezeichnet die in Dresden lebende Musiktheaterregisseurin die Arbeit an dieser Produktion.

Konkurrenz

Das Stück basiert auf der Komödie „Der Impresario von Smyrna“ von Carlo Goldoni. Das 1759 in Venedig uraufgeführte Werk handelt von einem reichen Geschäftsmann, der ein Opernhaus gründen möchte und dafür talentierte Sänger sucht. Unter den Anwärtern entsteht daraufhin ein erbitterter Konkurrenzkampf. Sänger, die unbedingt wieder auf der Bühne stehen wollen – darin sieht Stöppler eine Parallele zur Situation in der Corona-Krise. Die fünf Sänger im Stück seien alles andere als sympathisch, sondern richtige „Ego-Shooter“, so die Regisseurin. Wie auch physisch auf der Bühne, halten sie in der Handlung Abstand zueinander. Nähe, Gefühle, Zuneigung und Sympathie werden als gefährlich empfunden.

Auch Masken spielen eine Rolle. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Fabio Stoll</span>
Auch Masken spielen eine Rolle. Bregenzer Festspiele/Fabio Stoll

Goldoni gilt als Erneuerer der Commedia dell‘arte. Auch bei Cekovská/Olivi sind noch die Typen dieser Theatertradition erkennbar, die auch als Masken bezeichnet werden: So gibt es unter den Protagonisten zum Beispiel die Hysterische, den Berechnenden, die Larmoyante, wie Stöppler erklärt. Im Laufe von „Impresario Dotcom“ würden diese Typen jedoch aufbrechen und sich zu komplexeren, individuellen Figuren wandeln. 

„Impresario Dotcom“ von Lubica Cekovská. Donnerstag (20.August) und Freitag, jeweils 20 Uhr im Festspielhaus. www.bregenzerfestspiele.com.

Musikalisch bewegt sich das Stück von den „Typen“ der Operngeschichte zur Gegenwart: Spielerisch gehe Cekovská mit den bekannten Arien des europäischen Opernrepertoires  um, welche die Sänger beim Vorsingen zum Besten geben. Impresario Dotcom – das Geschlecht der von Zeynep Buyraç verkörperten Figur bleibt offen – stehe für ein visionäres Heute, eine virtuelle Welt, so Stöppler. Es vollziehe sich im Stück ein Wandel von einer zunächst „knalligen, frivol-grotesken Oberfläche“ der Komödie zu einer plötzlichen „Tiefe, zu Persönlichem, Zeitgenössischem, Nachdenklichem“. Die Botschaft dabei: Gemeinsam erreicht man mehr als jeder für sich allein. 

Dauerzustand

Laut der Regisseurin konnte für diese kurzfristig neu definierte Produktion sehr gut unter den Bedingungen der Corona-Krise gearbeitet werden, doch als Dauerzustand sieht sie die derzeitige Situation nicht. „Wir müssen jetzt Formate finden, die funktionieren, und bestenfalls etwas darüber erzählen, wie wir diese Zeit wahrnehmen“, meint Stöppler – was dieses Mal wohl eingelöst wird. Doch ohne Zeit, Raum, Geld und vor allem Nähe sei ein spannendes Musiktheater langfristig nicht zu erreichen. 

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