Kultur

Bekannte Arien in neuen Klangfarben

21.08.2020 • 19:08 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Impresario Dotcom": Musiktheater inklusive Video-Einlagen. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Karl Forster</span>
"Impresario Dotcom": Musiktheater inklusive Video-Einlagen. Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Uraufführung von “Impresario Dotcom” von Lubica Cekovská.

Corona, beziehungsweise der Umgang damit, ist in der Oper angekommen: „Impresario Dotcom“ der slowakischen Komponistin Lubica Cekovská und der italienischen Librettistin Laura Olivi wurde im Rahmen der Bregenzer Festtage uraufgeführt und am Freitag wiederholt. Die Produktion wurde vom Premierenpublikum gut angenommen, bleibt aber insgesamt doch mager. Unbestritten die hohe Qualität der Sänger und des solistisch besetzten Symphonieorchesters Vorarlberg (SOV) unter der Leitung von Christopher Ward, die sich mit Spielfreude und Lust in die Realisierung der musikalisch anspielungsreichen Partitur warfen. Die Oper ist ein Auftragswerk der Bregenzer Festspiele und des Nationaltheaters Bratislava, daher wohl auch die Besetzung mit drei slowakischen Sängerinnen.

In Szene setzen

Am Anfang stand eine Opera buffa mit dem Libretto nach einer Komödie von Carlo Goldoni: Hatte der venezianische Theatermeister in seinem 1759 uraufgeführten „Impresario von Smyrna“ die Intrigen und Machenschaften in einem Theaterbetrieb aufs Korn genommen, so versammelt die Librettistin Laura Olivi Sängerinnen und Sänger verschiedener prominenter Opernpartien – Carmen, Tamino, Orfeo, Violetta aus „La Traviata“ und Olympia aus „Hoffmanns Erzählungen“. Alle treffen sich zum Vorsingen vor dem geheimnisvollen reichen „Dotcom“ und seinem Agenten Conte Lasca.

Eher im Hintergrund: Zeynep Buyraç als "Dotcom". <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Karl Forster</span>
Eher im Hintergrund: Zeynep Buyraç als "Dotcom". Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Im Casting spielen sie ihre Persönlichkeiten aus: der sensible Countertenor Orfeo, der für einen möglichen Fachwechsel gleich noch Siegfrieds Horn bei sich trägt (Hagen Matzeit), Olympia als schrille Koloratursopranistin auf zehn Zentimeter hohen Absätzen (Eva Bodorová), Carmen, hier eher zurückhaltend (Terezia Kružliaková), Violetta als elegante Sängerin im Stil von Maria Callas (Adriana Kucerova) und Tamino, der in seiner Bildnis-Arie Carmen ansingt, aber eigentlich mit Violetta liiert ist (Simeon Esper).

Maskenspiel. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Karl Forster</span>
Maskenspiel. Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Christoph Pohl versucht als Agent Conte Lasca zwischen den Sängertypen zu vermitteln, spielt sie aber auch gegeneinander aus. Die Tänzerin und Schauspielerin Zeynep Buyraç begrüßt das Publikum mit gestenreicher Körpersprache in der Art einer Stewardess, wirbelt im schwarzen Mantel oder im Glitzerabendkleid über die Bühne, bleibt aber als „Impresario/a“ eher im Hintergrund. Alle wollen sich in Szene setzen, stehen für sich, können aber kein Team bilden, wie es eigentlich die Aufgabe für ein geplantes Opernensemble wäre.

Unter Wasser

Eigentlich wäre die Uraufführung für das Theater am Kornmarkt geplant gewesen, durch die Corona-Pandemie und die Abstandsregeln für die Arbeit auf der Bühne wurde die Produktion aber auf die große Bühne des Festspielhauses verlegt und das Werk auf eine pausenlose Dauer von 90 Minuten gekürzt. Zwischen den Gestängen des Schnürbodens, in einem durch Bänder abgetrennten Karree oder verteilt auf der großen Bühne (Hermann Feuchter) lässt Regisseurin Elisabeth Stöppler die individuellen Persönlichkeiten agieren. Sie führt deren Ticks (Orfeo mit dem Desinfektionsspray) und Rituale beim Einsingen und Aufwärmen vor, lässt sie bunte Schirme (gegen die Tröpfcheninfektion?) aufspannen und die brennenden Fragen zur Zukunft der Kunst vor dem Vorhang stellen. Weil der Impresario die absurde Vorstellung hat, die Sänger müssten auch unter Wasser agieren, gibt es ein Video von Fabio Stoll. Nicole Pleuler spielt in ihren Kostümen ebenso mit Zitaten wie die Komponistin in ihrer Partitur.

Die Ticks der Sänger. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Karl Forster</span>
Die Ticks der Sänger. Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Die Opernfiguren bringen es mit sich, dass Cekovská immer wieder mit erkennbaren Zitaten aus den bekannten Arien spielt, diese aufbricht und mit neuen Klangfarben und Rhythmen durchmischt. Das ist witzig und temporeich gelöst, führt in den großen Ensembleszenen aber auch zu einer heillosen Kakophonie.

Schirme sind auch im Einsatz. <span class="copyright">Bregenzer Festspiele /Karl Forster</span>
Schirme sind auch im Einsatz. Bregenzer Festspiele /Karl Forster

Christopher Ward, der opernerfahrene Musikdirektor am Theater in Aachen, führt das höchst motivierte SOV präzise und farbenreich. Der Wechsel vom Kornmarkt ins große Haus hat für Orchester und Stimmen sicher Vorteile gehabt, auch die Straffung um rund 40 Minuten war vorteilhaft, denn die jetzt gespielten eineinhalb Stunden sind eh schon reichlich. „Impresario Dotcom“ nimmt kein gutes Ende, bleibt zu hoffen, dass sich die Situation freischaffender Musiker – denn um sie geht es hier – wieder bessert.

Katharina von Glasenapp