Kultur

Bürger zwischen Ich und Wir

27.08.2020 • 20:18 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Mitwirkenden des neuen aktionstheater-Stücks.<span class="copyright"> aktionstheater ensemble</span>
Die Mitwirkenden des neuen aktionstheater-Stücks. aktionstheater ensemble

Uraufführung von “Bürgerliches Trauerspiel” am Mittwoch.

Als Radikalverdichtung wird üblicherweise ein Stück des aktionstheater ensembles bezeichnet – nun sagt Martin Gruber genau das über die Corona-Krise. Die vergangenen Monate hätten gesellschaftspolitische Bruchstellen, die seit Jahrzehnten bestehen, verschärft und sichtbar gemacht, sagt der Regisseur im Gespräch. Als „schnelle Eingreiftruppe“, die auf das Jetzt reagiert, beschäftigt sich das Ensemble in dem neuen Stück selbstverständlich mit der Corona-Pandemie und jenen Themen, die damit dringlicher wurden.

Benjamin Vanyek (l.) und Thomas Kolle bei den Proben. <span class="copyright">Gerhard Breitwieser</span>
Benjamin Vanyek (l.) und Thomas Kolle bei den Proben. Gerhard Breitwieser

„Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben“ ist also keine theatergeschichtliche Abhandlung, wie der Titel vermuten lässt. Vielmehr geht es um kleinbürgerliche Strukturen, deren Widersprüche durch die Krise an die Oberfläche gespült wurden. Ein einfaches Rezept für ein besseres Leben gibt es auch hier nicht – was bleibt, sind Menschen, die sich in einer Art „Schwebezustand“ befinden, auf der „Suche nach Wert und Sinn“, so Gruber. Die Sehnsucht nach einem Miteinander bleibt ein großes Thema.

Werte

Wie immer sucht der aus Dornbirn stammende Theatermacher Widersprüchlichkeiten nicht zuerst bei den anderen, sondern bei sich selbst und im Ensemble. Spannender sei immer die „eigene Blödheit“, wobei hier auch die Spießigkeit gemeint ist. Um was geht es dabei genau? Gruber sieht ein Spannungsverhältnis zwischen Egoismus und Altruismus, zwischen Individualität und Gemeinschaft, privater und politischer Sphäre. Die Werte, die im Zuge der französischen Revolution entstanden, und mit welchen sich das neu geschaffene Bürgertum vom Adel abzugrenzen versuchte, sind heute zu einem argumentativen Futter für die Politik geworden.

Regisseur Martin Gruber. <span class="copyright">Apollonia Bitzan</span>
Regisseur Martin Gruber. Apollonia Bitzan

Natürlich existierten tatsächlich noch Werte wie Gleichheit, Gemeinschaftlichkeit und Solidarität, meint Gruber, doch richte man sich in der Politik vermehrt nach den egoistischen Tendenzen des Kleinbürgertums, um dessen Gunst zu bewahren: „Wir halten euch alles vom Leib“, laute die Devise. Befeuert wird die „Kleinhäuslerei“ – nichts darf in die Idylle innerhalb der eigenen vier Wände einbrechen. Der „kleine Mann“ will sein Haus behalten, und trotz Klimakrise sein großes Auto fahren. Was dabei „von außen“ kommt, etwa Migranten, macht Angst, und auch die wirtschaftliche Misere nach dem Lockdown gefährdet den Besitz. Das Ziel ist die Besitzstandswahrung, aber auch die Wahrung der nationalen Grenzen – die übrigens gerade von jenen propagiert werden würden, die am meisten von internationalen Absatzmärkten profitieren, wie der Regisseur anmerkt. Er sieht aber auch eine gegenläufige Tendenz: Die Corona-Krise habe vielen Menschen vor Augen geführt, dass es ohne den anderen, die Gemeinschaft nicht gehe, ist Gruber überzeugt.

Abstand als Choreografie

Zuerst wurde während des Lockdowns digital am Stück gearbeitet, was für das Ensemble nicht optimal war, da Nähe ein wichtiger Aspekt bei der Stückentwicklung ist. Aus dem Material der intensiv geführten Interviews mit den Mitwirkenden arbeitete der Theatermacher die für das Werk zentralen Aspekte heraus. Viel habe er selbst geschrieben, Wolfgang Mörth habe zudem Texte beigesteuert, wie Gruber erklärt. Die fehlende Nähe sei auch ein Merkmal der Choreografie, wie er verrät. Für die musikalische Verdichtung der vom Theatermacher aufgefangenen Stimmung sorgen Sängerin Nadine Abado, Drummer Alexander Yannilos und Kristian Musser.

Das Stück ist eine Koproduktion mit dem Landestheater Linz, aus dessen Ensemble wird Darsteller Horst Heiß auf der Bühne stehen. Karten für die meisten Termine im Theater Kosmos gibt es noch.

Zum Stück

„Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben“. Es spielen Michaela Bilgeri, Horst Heiß, Thomas Kolle und Benjamin Vanyek. Uraufführung am Mittwoch, 2. September, 20 Uhr. Weitere Termine: 3. September, 20 Uhr, 4. und 5. September, jeweils um 18, sowie um 21 Uhr, im Theater Kosmos in Bregenz. Karten gibt es bei Bregenz Tourismus und unter www.events-vorarlberg.at

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