Kultur

Schöpfung durch Zerstörung

02.09.2020 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Joep Van Lieshout im Kunstraum Dornbirn. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Joep Van Lieshout im Kunstraum Dornbirn. Klaus Hartinger

Eine besondere Uhr ist Zentrum der aktuellen Schau in Dornbirn.

Eine große mechanische Uhr bewohnt derzeit den Kunstraum Dornbirn, ihr kraftvolles Ticken hallt unaufhörlich durch die alte Montagehalle. Alle 15 Minuten schlägt ein Gong – beinahe spürbar wird hier die verstreichende Zeit. Das gelbe „Pendulum“ (2019) aus Holz und Stahl ist ein Memento Mori, es erinnert uns im Sekundentakt an unsere Endlichkeit, doch nicht nur das: Die Uhr ist das Herz einer größeren Konstruktion, die Hydraulikzylinder, Pumpen, mechanische Pressen in Verbindung bringt. Selbst das Gebäude wird Teil der Installation, die alles andere als harmlos ist. Denn theoretisch könne damit die ehemalige Werkhalle zum Einsturz gebracht werden, wie Joep Van Lieshout erklärt. Der 1963 geborene Objektkünstler und Gründer des Ateliers Van Lieshout in Rotterdam ist der Erschaffer dieses Werks.

Das "Pendulum" funktioniert wie eine Aufziehuhr.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Das "Pendulum" funktioniert wie eine Aufziehuhr. Klaus Hartinger

Hinter der Arbeit „The Clock which will Solve Every Problem in the World“ steht die Idee einer „Schöpferischen Zerstörung“, wie sie etwa der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter in seiner Kapitalismus-Theorie beschrieb. Und auch Nietzsche meinte, „wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muß ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen“.  Van Lieshout kann diesem unaufhörlichen Rad von Vernichtung und Kreation durchaus etwas Positives abgewinnen, werde damit doch stets Neues erschaffen. Auch er möchte als Künstler Neues kreieren, eine Veränderung hervorrufen, und das tut er: Seine Plastiken entstehen aus alten Apparaturen wie Waschmaschinen („Calgon“, 2017), oder aus Resten eines Einkaufswagens und einer Ölheizung („Mensch“, 2017).

Zerstörungspotential

Einen Unterschied, was die reale Zerstörung innerhalb des Weltenlaufs betrifft, macht der Künstler, ob diese abrupt oder „sanft“ vonstattengeht. Auch das „Pendulum“ beinhaltet eine Zweischneidigkeit: Wie ein Bär im Winterschlaf soll das massive Konstrukt wirken – niedlich und behäbig, und doch voller Zerstörungspotential. Gelb ist die Lieblingsfarbe des Künstlers, aber auch eine gebräuchliche Signalfarbe für Gefahr. Und Gefahr birgt auch die Installation: Über eine Seilwinde, die sich durch den Raum spannt, ist zum Beispiel eine Abrissbirne verbunden. Die Wände der Halle sind mit einem Hydraulikzylinder verkettet, der es – wenn an die Elektrik angeschlossen – laut Van Lieshout mit einem Gewicht von 250 Tonnen aufnehmen kann. Eine Presse lässt sich händisch bedienen, unter ihr sind die Überbleibsel eines Geschirrspülers erkennbar. Die Uhr selbst muss aufgezogen werden, damit sie in Bewegung bleibt. Zwei Gewichte mit Sandsäcken werden dazu händisch hochgezogen. Möglicherweise wird der eine oder andere kräftige Besucher dazu angehalten, die Uhr am Laufen zu halten, so Kunstraum-Leiter Thomas Häusle.

Videos und Trümmerteile.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Videos und Trümmerteile. Klaus Hartinger

Über Seile und Kabel ist das „Pendulum“ mit dem Gebäude und den weiteren mechanischen Konstruktionen verbunden. Zwei Mal am Tag löst die Uhr einen Mechanismus aus, der etwa die Abrissbirne nach unten schnellen lässt. Potentiell ist kaum ein Objekt von dieser Maschinerie sicher: Selbst ein Volvo, der ja als besonders robustes Auto gilt, ist nur mehr als gepresste Plastik vor dem Kunstraum und als zerquetschte Einzelteile im Innenraum vorhanden. Videos ergänzen die Installation, die etwa die Zerstörung von Objekten von Pressen und Pumpen dokumentieren. Auch organisches Material wird vernichtet: Ein (bereits totes) Hühnchen wird in einem „Säureschrank“ in einem Gemisch aus Schwefelsäure und Wasserstoffperoxid aufgelöst.

Selbstverständlich

Van Lieshout arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Design, Architektur und Handwerk, der Kunstbegriff wird dabei gerne ausgeweitet. 1995 gründete er das Atelier Van Lieshout, das 2001 seinen Standort im Rotterdamer Hafengebiet als autonomen Staat ausrief. Das Projekt „Ville“ wurde von den Behörden beendet, es folgten unter anderem radikale Projekte wie „The Disciplinator“ (2003), bei dem 72 Insassen einer architektonischen Konstruktion unter sklavenartigen Bedingungen Sägemehl herstellten. Mittlerweile arbeite der Künstler jedoch nicht mehr im Kollektiv, wie Van Lieshout informierte. Das Konzept der Künstlergemeinschaft wurde aufgegeben, doch der Name beibehalten.

Zur Ausstellung

Atelier Van Lieshout. „The Clock which will Solve Every Problem in the World“. Eröffnung heute um 20 Uhr, Kunstraum Dornbirn. Künstlergespräch am Freitag, 4. September, 14 Uhr. Bis 8. November zu sehen, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Kunstraum-Leiter Häusle freut sich, dass diese Installation wie selbstverständlich das Gebäude einnimmt, es als Teil des Kunstwerks in sich aufnimmt. Zum Glück ist es nicht beabsichtigt, das gesamte Zerstörungspotential des tickenden „Pendulums“ auszuschöpfen.