Kultur

Der Mensch im Fluss der Zeit

14.10.2020 • 20:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Tanzperformance an der Seepromenade. <span class="copyright">Sarah Mistura</span>
Tanzperformance an der Seepromenade. Sarah Mistura

„happy mess“: eine humorvolle und berührende Performance.

Die Zeit fliegt, Tag für Tag vergeht, und wir bewegen uns dabei zum Großteil in unseren gewohnten Alltagsstrukturen. Doch unsere Zeit ist begrenzt – wie können wir also den wertvollen Moment, der eigentlich schon wieder vergangen ist, richtig genießen, den Augenblick in uns aufnehmen? Brauchen wir immer etwas Neues und Besonderes um glücklich zu sein und das Leben auszuschöpfen? Die Choreografin und Tänzerin Silvia Salzmann hat zusammen mit Angelika Mangold die berührende Performance „happy mess“ konzipiert, die sich auch mit einem humorvollen Blick mit diesen Fragen auseinandersetzt.

Ausdrucksstarke Choreografie.<span class="copyright"> Sarah Mistura</span>
Ausdrucksstarke Choreografie. Sarah Mistura

Salzmann, die Tänzerinnen Carmen Pratzner, Marina Rützler und Leonie Humitsch bespielen zusammen mit den Darstellern Johannes Schüchner und Johny Ritter die Seepromenade, während der Zuschauer bequem vom Panoramaraum im vorarlberg museum aus das Geschehen beobachtet. Es ist eine große Freude, gleich einem Voyeur aus der Vogelperspektive diese Performance zu erleben. Der nichtsahnende Passant nimmt ebenfalls Teil an diesem Spiel, so werden auch neugierige und staunende Kinder und Erwachsene aus ihrem Alltag ausgehebelt – was wiederum ein zusätzlicher Spaß für den „heimlichen“ Beobachter im Museum ist.

Überraschungen

Viel ungewöhnlich Gewöhnliches geschieht in dieser kurzen Zeit auf der Seepromenade, die Aufmerksamkeit wandert von einem Ort zum anderen. Wer gehört zum Stück dazu, wer nicht? Der Mann (Schüchner), der ruhend inmitten des Weges vom Gleisübergang zum See steht, wahrscheinlich schon. Eine junge Frau geht mit Gepäck über die Gleise, so weit, so normal – nur geht sie rückwärts. Eine weitere junge Frau im rosa Mantel kommt aus einer anderen Ecke, auch sie bewegt sich langsam rückwärts. An der Seestraße betritt von rechts eine Frau mit Kinderwagen die Szenerie. Der starke Wind verweht ihr Haar – doch seltsam: sonst ist es ganz windstill.

Auch die Passanten schauen zu. <span class="copyright">Sarah Mistura</span>
Auch die Passanten schauen zu. Sarah Mistura

Überraschende Momente sind in diesem fröhlichen Durcheinander, wie es der Titel sagt, inbegriffen. Da beginnt ein Gepäckstück plötzlich ein Eigenleben zu führen – Ausstatter Roland Adlassnigg hatte da ein paar Tricks auf Lager – oder Ritter verschwindet unter einem Stück Rasen. Die Akteure kommen zusammen und verstreuen sich wieder, das Tempo reicht von der Zeitlupe bis zur dynamischen Beschleunigung. Die Phasen, in denen sich die Performer zu einer gemeinsamen Choreografie treffen, verdichten sich im Verlauf und sind sehr ausdrucksstark. Die Lust an der Bewegung, die Lebendigkeit und Lebensfreude stecken an.

Sich festhalten

All das ist sehr poetisch, und wird verstärkt durch den Sound von Cornelia Baumgartner, die den Zuschauer teils mit alltäglichen Geräuschen, teils mit Pianoklängen in den Bann zieht. Hier ist nichts laut oder aufgeregt, wie im Leben können die Hörer in den Fluss der Zeit hineinhören. Am Ende begegnen wir dem Schauspieler Schüchner im Panoramaraum wieder, wo er, erneut sehr poetisch, über das Leben spricht. Schlussendlich geht es darum, sich selbst und seine Liebsten festzuhalten, sich auch den angeblich unbedeutenden Augenblicken voll und ganz hinzugeben, anstatt nach immer mehr Besitztümern und Erfolgen zu streben. Denn so verlieren wir das Gefühl für das Jetzt. Ein wunderschönes Erlebnis!

Zum Stück

„happy mess“. Premiere heute, 17.47 Uhr im Panoramaraum im vorarlberg museum, Bregenz. Weitere Termine: Freitag, 16. Oktober, 14.47 und 17.47 Uhr, 17. und 18. Oktober, jeweils um 11.47, 14.47 und 17.47 Uhr. Die Vorstellungen beginnen pünktlich. Anmeldung erforderlich: info@vorarlbergmuseum.at.

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