Kultur

Geschichte und Vision des Gebärens

21.10.2020 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bunte Jubiläumsschau. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Bunte Jubiläumsschau. Philipp Steurer

Ausstellung zum Gebären im Frauenmuseum Hittisau.

Seit 20 Jahren beschäftigt sich das Frauenmuseum Hittisau mit verschiedensten Aspekten, die Frauen betreffen. Zum Jubiläum widmet sich eine Ausstellung dem Ursprung des menschlichen Lebens – dem Gebären, das als Handlung bekannterweise allein den Frauen vorbehalten ist. In Kooperation mit der IG Geburtskultur entstand eine sehr bunte Schau, die – gemäß der Tradition des Hauses – das Thema in all seinen gesellschaftlichen, körperlich-seelischen, und auch historischen und ideologischen Zusammenhängen darstellt. Der informative Kern der Ausstellung wird dabei mit Kunstwerken aus der Geschichte und Gegenwart bereichert.

Der "Raum für Geburt und Sinne".<span class="copyright"> Philipp Steurer</span>
Der "Raum für Geburt und Sinne". Philipp Steurer

Schon im Außenbereich rund um das Museum begegnet der Besucher dem Projekt.  Auf Plakaten zeigen sich „Proud Moms“ mit ihrem Körper, der wenige Tage nach der Geburt noch von dieser außerordentlichen Leistung gezeichnet ist. Dass manche Körperzonen dann nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, macht diese Begrüßung hochaktuell und nebenbei sehr sympathisch. Von dem Geburtstraum, der unter anderem von Architektin Anka Dür und Lehmbauer Martin Rauch realisiert wurde, wurde bereits berichtet: Er macht sich in seiner speziellen Form sehr gut an der Stelle neben dem Museum, ein Blick in den behaglichen Raum, der alle Sinne anspricht, lohnt sich.

Interaktive Karte

Der „Raum für Geburt und Sinne“ gehört zu der Rubrik „Visionen“, und stellt eine Möglichkeit dar, wie das aktuelle Angebot in den Krankenhäusern als Nebenbau ergänzt werden könnte, wie bei einer Führung erklärt wurde. Viel habe sich getan in der Gebär-Praxis während der vergangenen Jahrzehnte, doch gibt es immer noch Frauen, die sich eine Alternative wünschen. Es gibt in Vorarlberg aktuell nur eine Hebamme für Hausgeburten, 2001 wurde das letzte Entbindungsheim im Ländle geschlossen. Einen Überblick über die aktuelle Situation gibt es auf einer interaktiven Karte, auf welcher Besucherinnen das vorhandene Angebot markieren und auf Registerkarten beschreiben können.

Placenta-Creme

Mit verschiedenen Farben gekennzeichnete Themenfelder teilen die Schau ein. Unter „Geburt verstehen“ werden medizinische Kenntnisse präsentiert, ein Gürtel mit rund zehn Kilogramm Gewicht lädt den Besucher ein, selbst das Gefühl einer Schwangerschaft zu erleben: Auch viele Männer würden den Versuch wagen, hieß es bei der Führung. In die Vergangenheit führt etwa die erste Pille oder eine Placenta-Gesichtscreme aus den 50er-Jahren. Bei „Praxis betrachten“ geht es um das Hebammenwissen und die Stellung der Hebammen, die sich im Laufe der Zeit geändert hat.

„Madonna lactans“

Viele Objekte sind in der Schau versammelt, im Bereich „Kultur Leben“ finden sich etwa Glücksbringer aus verschiedenen Kulturen, wie Votivfiguren, Amulette – oder ein Nabelschnurtäschchen in Form einer Schildkröte. Auch Entstehungsmythen der Naturreligionen finden ihren Platz. Düster wird es im Teil „Ideologien hinterfragen“, wo es unter anderem darum geht, dass die Nazi-Ideologie auch noch nach 1945 das Verhältnis von Mutter und Kind negativ beeinflusst hat. Der Bereich „Menschenrechte und Geburt“ berührt mit Interviews von Frauen. Die aus Somalia stammende Vorarlbergerin Yasmin Abdullahi erzählt etwa, wie sie trotz ihrer Beschneidung eine natürliche Geburt meisterte. Die künstlerischen Beiträge zeigen unterschiedliche Perspektiven auf, ein humorvoller Blick bietet auch Ina Loitzl mit einer Neuauflage der „Maria lactans“ („Madonna lactans“, 2016).

Eine "Proud Mom". <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Eine "Proud Mom". Philipp Steurer

Wichtige Anliegen schwingen in diesem Projekt mit, wie die Entökonomisierung der Geburt, und damit verbunden der Respekt vor Mutter und Kind. Die Geburt bleibt trotz des medizinischen Wissens ein Wunder: Dafür sollen die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Eine Führung durch die Schau wird empfohlen!

Zum Frauenmuseum und zur Schau

Das Frauenmuseum Hittsau  wurde 2000 von der Hittisauerin Elisabeth Stöckler gegründet. Bis jetzt wurden etwa 30 Ausstellungen realisiert, rund 20 Frauen arbeiten für das Museum. Die Ausstellung „geburtskultur. vom gebären und geboren werden“ läuft bis zum 18. April 2021. Öffnungszeiten Di. bis So., 10 bis 17 Uhr. Jeden Montag um 18 Uhr gibt es eine Führung (Anmeldung: fuehrungen@frauenmuseum.at). Kuratiert von Stefania Pitscheideder Soraperra, Anka Dür und Brigitta Soraperra. Die Ausstellung ist Start eines europaweiten Creative-Europe-Projekts, sie geht zuerst nach Charkiw in die Ukraine, dann nach Barcelona und Meran.

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