Kultur

Fantasievoll und berührend

30.10.2020 • 17:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gloria Rehm in der Rolle der Konstanze. <span class="copyright">Christian Flemming</span>
Gloria Rehm in der Rolle der Konstanze. Christian Flemming

“Die Entführung aus dem Serail” begeistert: ein wahrer Glücksfall.

Vor 20 Jahren begründete Bernhard Leismüller die einzigartige Lindauer Marionettenoper mit Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“, vor 15 Jahren hat sich das ebenfalls höchst erfolgreiche Vorarlberger Barockorchester Concerto Stella Matutina (CSM) formiert. Am Mittwoch feierten die beiden Ensembles gemeinsam Geburtstag: Angesichts der Tatsache, dass zumindest in Deutschland Veranstaltungen jetzt wieder zurückgefahren werden müssen, war diese Zusammenarbeit besonders beglückend. Heute Abend gibt es eine weitere Aufführung in der Kulturbühne Ambach in Götzis.

Orientalisches Kolorit

Leismüller war in seiner Heimatstadt Bad Tölz mit der dortigen Marionettenbühne von seiner Leidenschaft für die „Puppen am seidenen Faden“ gepackt worden, in Lindau konnte er im zweiten Stock des Stadttheaters eine fixe Bühne installieren. Dort macht er fast alles, er fertigt die Puppen und Kostüme – einzig die Puppenköpfe werden nicht von ihm geschnitzt –, er führt Regie, entwickelt die Choreografie und führt sein Team von mittlerweile 14 Spielern zur Perfektion in der Kunst der Puppenkörpersprache. Der Schwerpunkt liegt auf der Oper, aber auch „Schwanensee“ und „Der Brandner Kaspar“ werden von den Puppen zum Leben erweckt.

Schauspieler Hubert Dragaschnig als Bassa Selim. <span class="copyright">Christian Flemming</span>
Schauspieler Hubert Dragaschnig als Bassa Selim. Christian Flemming

Normalerweise arbeitet Leismüller natürlich mit CD-Einspielungen, die Verbindung mit Livemusik ist vermutlich einmalig und schon deshalb außergewöhnlich. Denn so detailreich und fein gearbeitet die Puppen in ihrer Bewegung eins mit der Musik sind, so plastisch und lebendig zeichnet auch Dirigent Thomas Platzgummer mit dem Concerto Stella Matutina Mozarts wunderbare Musik nach. Schellentrommeln, Triangel und Piccoloflöte liefern das orientalische Kolorit.

Tenor Daniel Johannsen singt den Belmonte. <span class="copyright">Christian Flemming</span>
Tenor Daniel Johannsen singt den Belmonte. Christian Flemming

Das Publikum hört das Wirbeln und Murmeln der Streicher, die Wärme und Sehnsuchtsthemen der Holzbläser, die anspruchsvollen Instrumentalsoli in Konstanzes Arie „Martern aller Arten“. Der Orchesterklang ist filigran, durchsichtig, kann aber auch in den Szenen mit Osmin kräftig auftrumpfen. Thomas Platzgummer und das CSM musizieren höchst engagiert, frisch und liebevoll, ein Genuss! Entsprechend schlank können auch die Sänger, die schräg vor der Puppenbühne postiert sind, ihre Stimmen führen: Allen voran Tenor Daniel Johannsen mit seiner reichen Erfahrung als Bach-Interpret gestaltet den Belmonte mit beweglichen Koloraturen und inniger Lyrik. Gloria Rehm vermittelt die starken Emotionen der Konstanze, ihre Trauer, Standhaftigkeit und Hoffnung. Michael Feyfar als Pedrillo und Theodora Raftis als Blondchen passen stimmlich brillant dazu und Martin Summer ist ein eher freundlicher Osmin, dem die bösartige Tiefe der Partie (noch) fehlt. Hubert Dragaschnig übernimmt die Sprechrolle des Bassa Selim.

Interaktion

Damit das Ganze nicht zu einer konzertanten Oper mit Puppenspiel wird, lässt Leismüller die Sänger immer wieder in Interaktion mit den Puppen treten. In Konstanzes Arie „Traurigkeit“ neigt sich ihr die Puppe tröstend zu, in Blondchens perlend zwitschernder Arie „Welche Wonne, welche Lust“ springt ihr die Puppe in den Arm, bei Pedrillos „Frisch zum Kampfe“ spiegelt sich die etwas holzschnittartige musikalische Rhetorik in der Gestik der Puppe. Sänger und Puppe des Belmonte sind in einem langen „Blickwechsel“ über die Macht der Liebe verbunden und wenn Osmin sich in seinem letzten „erst geköpft, dann gehangen“ die Pedrillo-Puppe packt, hat man Angst um den treuherzigen Diener.

Michael Feyfar war mit von der Partie.<span class="copyright"> Christian Flemming</span>
Michael Feyfar war mit von der Partie. Christian Flemming

Das alles ist sehr berührend und wunderbar fantasievoll bis in die Details des Bühnenbilds mit tanzender Weinflasche, Springbrunnen, Schaukel und Diwan gelöst. Welch Glück, dass die Produktion noch stattfinden konnte, wir können lange davon zehren!

Katharina von Glasenapp