Kultur

Feinkost für das Auge

04.11.2020 • 20:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bis Oktober 2021 in der Hilti Art Foundation zu sehen. <span class="copyright">Sandra Maier</span>
Bis Oktober 2021 in der Hilti Art Foundation zu sehen. Sandra Maier

Malerei steht im Zentrum der neuen Schau in Vaduz.

Während Vorarlbergs Museen im November geschlossen bleiben, öffnet im Fürstentum Liechtenstein ab Freitag eine neue Ausstellung. „Hauptsache Malerei“ heißt es dann in der Hilti Art Foundation in Vaduz. Ein Besuch ist bis Herbst 2021 möglich und lohnt sich, wird dem Auge doch einiges geboten. Kurator Uwe Wieczorek zeigt mit seiner Auswahl und Gegenüberstellung die Wandlungsfähigkeit und Bandbreite dieser Gattung auf. Durch die Vorstellungskraft des Künstlers und durch das Erleben seiner Selbst und seiner Zeit entstehen immer wieder neue Dimensionen auf der Leinwand, so die These des Kurators. Von der Farbe als rein optische Erscheinung bis hin zu ihrer Materialität und Haptik, vom Stillleben zum Spiel mit der geometrischen Form – in dieser Schau wird die Malerei von mehreren Seiten beleuchtet, und das nicht nur mit Bildern: Ein „Dialog“ mit acht Plastiken soll die Malereien in den Raum hinein erweitern und Akzente setzen, wie Wieczorek bei einem Rundgang erklärte.

Blumenhut

Die Malerei ist zumindest rein quantitativ die Hauptsache der Sammlung der Hilti Art Foundation. Aus insgesamt rund 200 Objekten wurden nun 28 Malereien und acht Plastiken ausgewählt. Wie in der Sammlung reicht der Bogen vom Beginn der Klassischen Moderne bis zur Gegenwart, der einige Stile und Stilbrüche beinhaltet. Im ersten Untergeschoss begegnet der Besucher zuerst Lovis Corinth, genauer gesagt seiner Frau Charlotte Berend, die der Maler porträtiert hat: Der Kopf wird geziert mit einem prächtigen Blumenhut, zwei Kätzchen im Arm zeugen von einer verspielten Leichtigkeit („Junge Frau mit Katzen“, 1904)

Kurator Uwe Wieczorek. <span class="copyright">Sandra Maier</span>
Kurator Uwe Wieczorek. Sandra Maier

Corinth blieb lange dem Impressionismus treu, später – nachdem der Künstler 1911 einen Schlaganfall erlitt – spiegle sich aber zunehmend auch die psychische Verfassung in seinen Werken wieder, so Wieczorek. Das kann auch in einem Stillleben der Fall sein: „Apfelblüten und Flieder“ (1920) zeigt einen Blumenstrauß in impressionistischer Manier, der sich aber seitlich nach unten zieht, an Stabilität verloren zu haben scheint. Picassos „Stillleben mit Kaffeekanne“ (1947) ist ebenfalls spannend, was hingegen an der erotischen Symbolik der Objekte liegt. Eine Schublade im Bild ist offen, „da kann also noch was passieren“, meint der Kurator mit einem Schmunzeln.

Gute Laune

„Heiterkeit der Geometrie“ ist das Motto im ersten Obergeschoss, und tatsächlich erhellt sich die Laune in diesem Raum. Gleich beim Eintritt wird Piet Mondrian (1872 bis 1944) umzingelt von Diagonalen, die der Künstler strikt ablehnte. Rechts von einem „klassischen“ Mondrian in rot, gelb, schwarz und blau, ein Werk des Schweizer Malers Fritz Glarner (1899 bis 1972). Der Einfluss Mondrians war wie bei vielen nachfolgenden Künstlern auch bei Glarner stark, die Ähnlichkeit ist kaum von der Hand zu weisen – wenn da nicht die Diagonale wäre, die dem Bild eine völlig andere Dynamik verleiht. Hier zeigt sich das Spannungsfeld von dogmatischer Strenge und ironischer Brechung.

Werke von Sean Scully, Henry Moore und Callum Innes (v.l.). <span class="copyright">Sandra Maier</span>
Werke von Sean Scully, Henry Moore und Callum Innes (v.l.). Sandra Maier

In diesem Teil der Schau wird zudem der Künstler Imi Knoe­bel gefeiert, dem zu seinem 80. Geburtstag auch eine Schau im Seitenlichtsaal im Kunstmuseum Liechtenstein gewidmet werden wird. Sehr gelungen ist außerdem das Zusammenspiel zwischen einer filigranen Plastik von Norbert Kricke (1922 bis 1984), einem Werk von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 bis 1962) sowie einer tollen Komposition aus Pyramiden der Schweizerin Verena Loewensberg (1912 bis 1986) – gelb und schwarz in dreierlei Ausführung

Verwehrter Blick

Quasi in Auflösung begriffen ist Erscheinung und Farbe im obersten Geschoss. Eröffnet wird hier mit einem sehr jungen Werk des schottischen Malers Callum Innes. Er hat eine besondere Herangehensweise, die gleich drei unterschiedliche Modi beinhaltet: verdichtet (schwarz), aufgelöst (mit Lösungsmittel) und indirekt (durch Herabfließen der Farbe). So wie die Farbe bei Hanns Kunitzberger „vagabundiert“, sagt Wieczorek, so bleibt der menschliche Körper bei Alberto Giacometti letztendlich nicht gänzlich fassbar. Von Sean Scully sind zwei sehr schön arrangierte Werke zu sehen, die sich lediglich auf den ers­ten Blick nur durch die Größe unterscheiden. Die Grundierung bestimmt dabei die Stimmung, sagt der Kurator. Und dann als Abschluss ein mit transparenter Farbe behandelter Spiegel von Bertrand Lavier (2015/16), der uns den Blick auf uns selbst verwehrt. Das macht aber nichts, es gibt auch sonst genug zu sehen!

„Hauptsache Malerei“. Freitag, 6. November bis 10. Oktober 2021, Hilti Art Foundation, Vaduz. Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr, Donnerstag 10 bis 20 Uhr geöffnet.

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