Kultur

Preise für mutiges Kuratieren

10.11.2020 • 20:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Aus der Villa Iwan und Franziska Rosenthal wird ein Literaturhaus. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Aus der Villa Iwan und Franziska Rosenthal wird ein Literaturhaus. Klaus Hartinger

Zwei Vorarlberger ­Projekte wurden mit dem IBK-Förderpreis prämiert.

„Kuratieren heißt, Sorge zu tragen und Verantwortung zu übernehmen für das Zustandekommen und den Inhalt eines spezifischen Kulturangebots“, heißt es in einer Publikation zu den diesjährigen Förderpreisen der Internationalen Bodensee-Konferenz (IBK), die in dem breiten Feld des Kuratierens vergeben wurden. Sieben Einzelpersonen und Institutionen aus dem Kulturbereich wurden aus 18 Nominierungen der IBK-Mitgliedsländer ausgewählt, unter den Preisträgern finden sich auch zwei Vorarlberger Projekte: Eine Fördersumme von jeweils 10.000 Schweizer Franken erhalten das literatur:vorarlberg netzwerk und der Walserherbst.

In diesem Jahr hat das Land Vorarlberg unter dem Jury-Vorsitz von Kulturabteilungsleiter Winfried Nußbaummüller die Abwicklung verantwortet. Die Preisträger hätten „Mut zum Experiment“ bewiesen, so Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink in einer Aussendung.

Erzählen

Diesen „Mut zum Experiment“ bewies das literatur:vorarlberg netzwerk mit der Verwirklichung mehrerer innovativer  Formate und Projekte, der Verein wurde von der Jury als „höchst inspirierende Baustelle für Literatur“ bezeichnet. 2015 gegründet, baut er unter anderem auf Kooperationen und der Bildung von Netzwerken mit anderen Institutionen. Seit 2019 verfolgt der Verein, wie berichtet, auch die Realisierung eines Vorarlberger Literaturhauses in der Villa Iwan und Franziska Rosenthal in Hohenems, wobei der Prozess zum Literaturhaus hin bereits reflektiert wird und zu neuen Perspektiven anregt.

Frauke Kühn. <span class="copyright">Dietmar Mathis</span>
Frauke Kühn. Dietmar Mathis

Geschäftsführerin Frauke Kühn, die zusammen mit Autorin Daniela Egger und dem Literaten Wolfgang Mörth dem Verein vorsteht, verweist im Gespräch unter anderem auf das Projekt „to be continued“, das zusammen mit „W*ORT Lustenau“ realisiert wurde. Im Zentrum steht dabei die Geschichte der Rosenthal-Villa. Beteiligt waren rund 100 Schüler in fünf Ländern, die eine grenz- und sprachenübergreifende Fortsetzungsgeschichte über „Die geheimnisvolle Villa“ geschrieben haben – so der Titel der Geschichte, die soeben veröffentlicht wurde (das Buch ist erhältlich unter info@w-ort.at und office@literatur.ist). „Sehr wendungsreich“ sei die Erzählung, welche die Freude der jungen Autoren am Schreiben zeige, meint Kühn.

“Geschichten erzählen funktioniert immer”

Frauke Kühn, literatur:vorarlberg netzwerk

Der Verein möchte die bereits bestehende vielfältige Literaturlandschaft Vorarlbergs auch weiterhin mit experimentellen Formaten bereichern. Einerseits gehe es in der von der Corona-Pandemie geprägten Zeit darum, das Schaffen der Literaten weiterhin sichtbar zu machen, etwa mit Interventionen im öffentlichen Raum, so Kühn. Andererseits sei das Erzählen gerade jetzt wichtig. Über welche Kanäle auch immer: „Geschichten erzählen funktioniert immer“, ist die Lehrerin und Kulturmanagerin überzeugt.

Geografie und Kultur

Gespräche mit vielen Menschen, das Miteinbeziehen des Lebensraums und der Gesellschaft – das bedeutet gutes Kuratieren für Dietmar Nigsch, wie er in einem Video sagt, das in diesem Jahr zusammen mit der Publikation die geplante Preisverleihung ersetzt. Seine kuratorische Arbeit sei vielschichtig, sagt der Theatermacher Nigsch – und das ist auch der 2004 gegründete Walserherbst, der als Festival für zeitgenössische Kunst und Kultur alle zwei Jahre das Große Walsertal belebt, indem es verschiedenste Orte auf unterschiedliche Weise bespielt. Die Verknüpfung von Geografie und Kultur in einer kuratorischen Praxis, nannte das die Jury.

Der Walserherbst wurde auf nächstes Jahr verschoben.
Der Walserherbst wurde auf nächstes Jahr verschoben.

„Ein Festival in einem weitläufigen Landschaftsraum muss auch ,architektonisch‘ tätig sein und temporäre oder bleibende Räume schaffen, die sich während und auch nach der Festivalzeit als gute Orte der Kommunikation, des Feierns und der gelebten Dorfgemeinschaft bewähren“, wird Nigsch in der Publikation zitiert. Da kann eine Garage zum temporären Showroom für Mode werden, ein Traktoranhänger wird zur Bühne, oder es entsteht ein Kulturpavillon auf einer alten Ruine wie in Blumenegg. Das „steilste Festival mitten in den Bergen“ wird damit zum kulturellen Nahversorger, so das Ziel des Walserherbstes.

“Ein Festival muss temporäre oder bleibende Räume schaffen”

Dietmar Nigsch, Schauspieler, Theatermacher und Festivalleiter

Auch in diesem Herbst hätte das Festival stattfinden sollen, doch die Corona-Pandemie machte eine Verschiebung auf nächstes Jahr unumgänglich. Und so soll von 20. August bis 12. September 2021 das Große Walsertal wieder zur Bühne für Musik, Literatur, Theater, Performance, Fotografie, Kulinarik und Kunsthandwerk werden.