Kultur

Die Stille als das größte Geschenk

25.11.2020 • 19:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Einer der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit: Franz Welser-Möst. <span class="copyright">APA</span>
Einer der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit: Franz Welser-Möst. APA

In seiner Biografie erzählt Franz Welser-Möst aus seinem Leben.

Die Stille nach dem letzten Akkord einer „Winterreise“, eines „Tristan“ oder einer Bach-Passion kann für die Musizierenden ebenso wie für die Hörenden das größte Geschenk sein, die Generalpausen in einer Symphonie von Bruckner oder Schubert dehnen sich manchmal ins Unendliche. Derzeit durchleben wir schon zum zweiten Mal eine Stille und Leere in den Opernhäusern und Konzertsälen, die sich niemand gewünscht und vorgestellt hat.

Innige Beziehung

Franz Welser-Möst, einer der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit und seit 18 Jahren Chef des Cleveland Orchestra, spürt in seiner Autobiografie wiederum einer anderen Stille nach, die er an einem Wendepunkt seines Lebens schon einmal erfahren hat: Am 19. November des Jahres 1978, dem 150. Todestag von Franz Schubert, rutschte das Auto eines jungen Musikerkollegen von einer vereisten Brücke und überschlug sich, in langen Sekunden erlebte er, der auf der Rückbank saß, das Aussetzen von Zeit und Raum als vollkommene Stille.

Der Dirigent mit dem Cleveland Orchestra. <span class="copyright">APA</span>
Der Dirigent mit dem Cleveland Orchestra. APA

Die jungen Männer waren auf dem Weg von einer Schubert-Messe zu einer Aufführung des Forellen-Quintetts gewesen, der 18-jährige Franz, damals Schüler des Linzer Musikgymnasiums, strebte ein Leben als Geiger der Wiener Philharmoniker an. Daran war nicht mehr zu denken, als er in die Intensivstation kam: Drei Wirbel waren gebrochen, dazu die Nerven von zwei Fingern der linken Hand schwer geschädigt. Wieder war es die Musik der Schubert-Messe, die er als erstes in seinem Krankenzimmer hören konnte. Seither hat er zu diesem Komponisten eine besonders innige Beziehung.

„Wanderungen“

Der Unfall und die Erfahrung der großen Stille haben sein Leben und Denken geprägt, das wird in diesem sehr persönlich gehaltenen Buch immer wieder deutlich: gefördert vom Zisterzienserpater Balduin Sulzer, seinem ebenso unorthodoxen wie leidenschaftlichen Lehrer am Linzer Musikgymnasium, kam Franz Welser-Möst zum Dirigieren. Studium in München, erste Positionen in Schweden und Winterthur, schwierige Jahre beim London Philharmonic, die lange Zeit als Chefdirigent am Opernhaus Zürich, schließlich Cleveland und immer wieder die Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern – es ist ein an vielfältigsten Erfahrungen reiches Musikerleben.

Franz Welser-Möst. Als ich die Stille fand. Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt.

Brandstätter, 192 Seiten, 22 Euro.

 Welser-Möst und Axel Brüggemann, der seine Worte notiert und in Buchform gebracht hat, haken nicht Stationen oder Namen ab, sie geben Einblick in Lebensthemen. Herausgehoben, auch durch den Druck auf farbigem Papier, sind vier besondere „Wanderungen“, philosophische Betrachtungen zur Stille in der Natur, im Geist, in der Ewigkeit. In ihnen verdichten sich die biografischen Wegbeschreibungen, sie führen in die Tiefe und erklären den Untertitel „Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt“. Welser-Möst schöpft aus der Stille, findet hier die Kraft für solch überwältigende Interpretationen wie die Strauss-Opern bei den Salzburger Festspielen. „Als ich die Stille fand“ ist „vor Corona“ konzipiert worden, nur das Vorwort und die Korrekturen fielen in die Wochen des ersten Shutdowns. Es passt aber wunderbar in diese Zeit und bringt uns einen besonderen Künstler nahe.

Katharina von Glasenapp

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