Kultur

Perspektiven auf das Jetzt

27.11.2020 • 18:37 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Installation von Otobong Nkanga bei der Sharjah Biennale 2019.<span class="copyright"> Otobong Nkanga/Emeka Ogboh</span>
Die Installation von Otobong Nkanga bei der Sharjah Biennale 2019. Otobong Nkanga/Emeka Ogboh

KUB-Jahresprogramm zeigt sich aktuell, schräg und kritisch.

Das Kunsthaus Bregenz veröffentlichte gestern das Programm des kommenden Jahres. Wie bei den Bregenzer Festspielen musste auch hier die traditionelle Pressekonferenz abgesagt werden, das Programm steht jedoch auf der Homepage zur Verfügung. Direktor Thomas D. Trummer gibt zudem im Gespräch mit der NEUE Auskunft über dieses denkwürdige Jahr und verschafft einen Ausblick auf die geplanten Ausstellungen. 

Jakob Lena Knebl (l.) und Ashley Hans Scheirl machen den Anfang. <span class="copyright">Miro Kuzmanovic</span>
Jakob Lena Knebl (l.) und Ashley Hans Scheirl machen den Anfang. Miro Kuzmanovic

Trummer zeigt sich erfreut über den Zuspruch des Publikums, den das Haus während der Corona-Krise erfahren habe. Wird die insgesamt vier Monate dauernde Corona-bedingte Schließung des KUB in der Rechnung abgezogen, konnte in diesem Jahr die Besucherzahl von 2019 ungefähr gehalten werden. Voraussichtlich werden bis Ende des Jahres 32.000 Besucher gezählt – angesichts des stark reduzierten Tourismus und den abgesagten Bregenzer Festspielen ein „großer Erfolg“ für den Direktor. Die Sonderausstellung „Unvergessliche Zeit“, die internationale Beachtung fand, ist mit über 14.000 Besuchern die erfolgreichste des Jahres.

Die Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz ist ab März zu Gast im KUB. <span class="copyright">Marc Asekhame</span>
Die Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz ist ab März zu Gast im KUB. Marc Asekhame

Auch im Jahr 2021 will das Kunsthaus Bregenz Werke zeigen, die sich aktuellen Fragen widmen. Das sei eine generelle Haltung des Hauses, doch besonders in dieser „prekären Zeit“ würden die Menschen sich selbst befragen, meint der Kunsthistoriker. „Die Kunst liefert uns Perspektiven. Sie ist ein kostbarer Schatz, und deshalb geht mit unserer Arbeit eine große Verantwortung einher“, ist sich Trummer sicher. Neben den Zahlen zur Corona-Pandemie sei auch eine emotionale Interpretation der Ereignisse für den Menschen wichtig.

Readymade

Zuerst beehrt das bekannte österreichische Künstlerduo Jakob Lena Knebl (geboren 1970)  & Ashley Hans Scheirl (geboren 1956) das KUB mit einem schrillen und schrägen Auftritt. Mit ihrem spielerisch-humorvollen und lustvollen Ansatz setzt sich das queere Paar unter anderem mit Fragen der Geschlechteridentität auseinander. Der Vorteil des aktuellen Lockdowns: Der Aufbau der aufwendigen Schau „Seasonal Greetings“ ist schon fortgeschritten, die Eröffnung ist am 12. Dezember geplant – Zur Not werde diese laut Trummer verschoben, zu sehen sei die Schau in jedem Fall. Der Direktor verriet, dass den Besucher im Erdgeschoss ein „Eismeer“ erwartet, im ersten Obergeschoss soll es einen Hexensabbat mit einer fliegenden Hexe geben.

Musik steht bei Anri Sala im Zentrum. <span class="copyright">Anri Sala</span>
Musik steht bei Anri Sala im Zentrum. Anri Sala

Kommentiert wird „Seasonal Greetings“ mit dem Programm „KUB Basement“: Im Untergeschoss werden Fotografien des Künstlers Marcel Bascoulard zu sehen sein. Dessen Selbstporträts seien „bedrückend und sehr eindringlich“, meint der Direktor.

Skizze zum Projekt von Roman Signer. <span class="copyright">Roman Signer</span>
Skizze zum Projekt von Roman Signer. Roman Signer

Auch die folgende Ausstellung wird mit dem „KUB Basement“ ergänzt: Die Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz (geboren 1979) wird ab 27. März das Haus bespielen. Sie beschäftigt sich mit biologischen und chemischen Phänomenen, die meist unter unserer Wahrnehmungsschwelle liegen. Rosenkranz arbeitet mit Düften, mit Erde, Licht und Farbe, Bakterien und Parasiten. Ihre Installationen, die intensive Atmosphären schaffen, so Trummer, wären wie gemacht für den Zumthor-Bau. Entsprechend dazu gibt es im Untergeschoss ein Werk des Künstlers Lois Weinberger zu erleben, der im April dieses Jahres verstorben ist. Das KUB wurde mit der Schenkung einer Arbeit des Österreichers bedacht: 1971 veröffentlichte ein großer Schweizer Pharmakonzern die Bildermappe „Unkrautgemeinschaften Europas“. Grafisch sorgsam aufbereitet, diente die Mappe allein der Anleitung zur effektiven Ausmerzung der dargestellten Pflanzen. Weinberger machte daraus ein Readymade.

Musik und Wandteppiche

Anri Sala (geboren 1974) folgt bestreitet die Sommerausstellung. Der aus Albanien stammende Künstler sollte heuer bereits die Bregenzer Festspiele begleiten, nun wurde die Schau quasi mit-verschoben. Auch passend zur Uraufführung der Oper „Wind“ im Rahmen des Opernateliers steht bei Sala die Musik im Mittelpunkt: Sie ist der Protagonist auch seiner filmischen Werke, wie der Direktor anmerkt.

Das KUB Programm 2021ist ab sofort unter www.kunsthaus-bregenz.at einsehbar.

Ebenfalls vielversprechend ist die letzte Schau des Jahres, die von der aus Nigeria stammenden Künstlerin Otobong Nkanga (geboren 1974) gestaltet wird. Sie setzt sich mit Themen wie dem globalen Warenverkehr und dem Raubbau von natürlichen Ressourcen auseinander. 2019 sah Trummer eine Installation Nkangas bei der Sharjah Biennale in den Vereinigten Arabischen Emiraten – „Eine kritische Botschaft in einem poetischen Raum“, meint der Direktor dazu. Im KUB zeigt die Künstlerin großformatige Wandteppiche und andere Interventionen.

Wasserbogen

Vorfreude erzeugt beim Kunstliebhaber eine geplante Intervention von Roman Signer, der in Kooperation mit der vkw AG die „Installation am Bielbach“ auf der Bielerhöhe realisiert. Ab Juni soll der legendäre 82-Jährige Schweizer Skulpturen-Künstler am Bielbach einen Wasserbogen über die dortige Brücke erzeugen. Auch die Realisierung der bereits für heuer geplanten Sonderschau zur Sammlung König-Lebschik ist für Juni angedacht. Thomas König und seine verstorbene Frau Erika Lebschik sammelten und sammeln seit Jahrzehnten Originalgrafiken. Eine Auswahl davon wird im KUB Sammlungsschaufenster im Bregenzer Postgebäude gezeigt.

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