Kultur

Katalonien: Kunst und Eigensinn

08.12.2020 • 18:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Hommage von Anna Lentsch an „Peter und der Wolf“.<span class="copyright"> Wolfgang Ölz </span>
Hommage von Anna Lentsch an „Peter und der Wolf“. Wolfgang Ölz

Das Rohnerhaus öffnet seine Türen – mit katalanischer Kunst.

Katalonien ist für Vorarlberger kulturell betrachtet eigentlich eine unbekannte Region. Die martialischen Bilder vom Unabhängigkeitskampf der Katalanen aus den Medien können nichts vom künstlerischen Reichtum dieses Gebietes, das als eine der 17 autonomen Gemeinschaften Spaniens gilt, vermitteln. Alwin Rohner hat seit den 1990er Jahren in Katalonien viele, zum Teil noch junge Künstler entdeckt und auch in seine Sammlung integriert. Seit Jahren verbringt er jedes Jahr drei Wochen auf Mallorca, das auch zu Katalonien gehört. Dieses Jahr im März hat ihn der Corona-Lockdown überrascht und er saß gleich drei Monate auf seiner Lieblingsinsel fest. Viel Zeit um die jetzige Ausstellung „Katalonische Expression“ inhaltlich und ästhetisch vorzubereiten.

Werk von Julio Balaguer. <span class="copyright">Wolfgang Ölz</span>
Werk von Julio Balaguer. Wolfgang Ölz

Der Sammler aus Lauterach empfindet eine Art Wahlverwandtschaft mit Katalonien, das mit Baden-Württemberg in Süddeutschland, der Lombardei in Oberitalien und dem Rhône-Alpes in Frankreich zu den stärksten Wirtschaftsräumen der Europäischen Union gezählt wird. Das Widerständige, Eigensinnige und Elitäre verbindet Katalonien ohne Frage mit Vorarlberg, das sich als Region im Bodenseeraum gerade neu zu erfinden versucht.

Handschrift

Drei weltberühmte katalanische Künstler sind in der Ausstellung im Rohnerhaus vertreten: Salvador Dalí (1904 bis 1989), Joan Miró (1893 bis 1983) und Antoni Tàpies (1923 bis 2012). Von Dalí befindet sich ein Bronzeguss in der Schau – „Die Frauen und die Flammen“ (1981) –, der das Thema der brennenden Giraffen mit seltsamen Schubladen eigenwillig weiterspinnt und die Nähe des Malers zur Traumwelt Sigmund Freuds veranschaulicht. Joan Miró ist durch eine Farbradierung vertreten (also einem vom Künstler limitierten Druck), die die Halbinsel Formentor auf Mallorca im Namen trägt und das typische Linien-, Flächen- und Farbenspiel des Meisters zeigt. Auch Tàpies ist mit einer erstklassigen Radierung vertreten: Der Titel „Fußabdruck“ hat die Handschrift des Künstlers selbst zum Thema.

Ganzheitsgefühl

Im November 1975 verstarb der faschistische Diktator Franco, der ganz Spanien und auch Katalonien im Würgegriff einer kreativfeindlichen Kunstdoktrin hielt. Der Aufbruch in Katalonien kam also erst 30 Jahre nach dem Ende Hitlers und dessen todbringender Diffamierung als „entarteter Kunst“.  Rohner sagt: „Ein reiches Angebot an kraftvollen, reaktionsfähigen, lebendigen Bildern entstanden in den Studios der 1970er Jahren.“ Gegen das Kitschgebot der Diktatoren spiegelt diese Kunst keine heile Welt vor, sondern vermittelt ein Ganzheitsgefühl, das sich dem Chaos der Welt widersetzt, wie Rohner überzeugt ist.

Offener Sonntag

Die Ausstellung „Katalonische Expression“ ist am kommenden Sonntag, den 13. Dezember, von 10.30 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Im Museum Kunst im Rohnerhaus, Kirchstraße 14, Lauterach.

Unter den bei uns weniger bekannten Künstlerinnen mit katalonischen Wurzeln sei etwa Anna Lentsch (geboren 1943) hervorgehoben, die mit wirkmächtigen Hommagen an Musiker wie Ludwig van Beethoven („Für Elise“) und Sergei Prokofjew („Peter und der Wolf“) brilliert. Julio Balaguer (geboren 1957) überzeugt mit einer korpulenten Mädchengruppe, die in die Ferne blickt – wie die Zirkusleute aus der Rosa Periode (1905 bis 1907) von Pablo Picasso, einem weiteren Welt-Künstler mit katalanischen Wurzeln. Bartone Pons gehört mit Jahrgang 1980 zu den jüngeren in der Schau vertretenen Künstlern. Sein „Röntgen eines Selbstmordes“ von 2004 führt auf beklemmende Weise die mögliche ultimative Tat eines jungen Mannes vor.

Wolfgang Ölz

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