Kultur

Der rastlose Künstler

12.12.2020 • 14:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Richard Wagners Musik brachte Schlingensief bei der „Wagner-Rallye“ (2004) runter vom Grünen Hügel und auf die Straßen des Ruhrgebiets. <span class="copyright">DPA</span>
Richard Wagners Musik brachte Schlingensief bei der „Wagner-Rallye“ (2004) runter vom Grünen Hügel und auf die Straßen des Ruhrgebiets. DPA

Interviews von Christoph Schlingensief gibt es nachzulesen.

Am 21. August vor zehn Jahren starb der Künstler, Film- und Theaterregisseur, Autor und Moderator Christoph Schlingensief. Viele seiner aufsehenerregenden Aktionen und Werke bleiben bis heute unvergesslich: In Österreich wohl dokumentiert ist das Projekt „Ausländer raus. Bitte liebt Österreich“, als er im Jahr 2000 vor dem Wiener Burgtheater Ausländer in Container setzte und wie bei „Big Brother“ „herauswählen“ ließ. Mit sechs Millionen deutschen Arbeitslosen wollte er im Wolfgangsee baden gehen, mit der Partei „Chance 2000“ wollte er in die Politik. Er brachte das Theater in eine Hamburger Bahnhofsmission, lieferte schweißtreibende Performances in diversen Talk-Formaten und auf der Bühne. Schlingensief inszenierte an der Berliner Volksbühne, am Burgtheater, in Bayreuth den „Parsifal“. Er realisierte Projekte in Afrika und Island, auch am Hohenemser Transmitter-Festival war er mehrmals zu Gast – die Liste seiner Produktionen lässt sich beliebig fortführen. Bis zu seinem Tod im Alter von 49 Jahren blieb er aktiv.

„Selbstprovokation“

In seinem zehnten Todesjahr kann man unter anderem in einem Buch das Wirken des an Lungenkrebs gestorbenen Allround-Genies Revue passieren lassen. „Kein falsches Wort jetzt“, herausgegeben von Schlingensiefs Witwe und ehemaliger Arbeitspartnerin Aino Laberenz, versammelt eine Auswahl an Interviews, die der rastlose Künstler in diversen Medien gegeben hat. Gut zu erkennen sind dabei die großen Themen, die Schlingensief zeitlebens umtrieb, sowie die Klischees und Stempel, die dem Künstler aufgedrückt wurden. Schon seine frühen Filme irritierten, spätestens, als er sich 1997 in Kassel mit einem Schild „Tötet Helmut Kohl“ präsentierte, wurde er in Deutschland zum Provokateur reduziert.

"Mea Culpa" am Burgtheater 2009. <span class="copyright">APA</span>
"Mea Culpa" am Burgtheater 2009. APA

Dabei sprach Schlingensief selbst stets von „Selbstprovokation“: Er, der kleinbürgerliche Apothekerssohn, wie er sich gerne selbst beschrieb, wollte für sich Brüche schaffen, scheitern, und sich doch wieder aussetzen. Angst und Selbstzweifel waren wesentliche Produktivkräfte, Ausnahmesituationen für das Publikum und die Mitwirkenden das Ergebnis. „Mich reizt das Ende der vorgetäuschten Kontrolle“, sagte er Benjamin von Stuckrad-Barre im Magazin „Rolling Stone“.

Konsequenz

Schlingensief öffnete sich schonungslos Journalisten aus Medien aller Art. Womöglich war seine Eloquenz und außerordentliche Schlagfertigkeit mit der Zeit gefürchtet: Wie Diedrich Diederichsen im Nachwort bemerkte, schickten viele Redaktionen – wohl zur Absicherung – gleich zwei Journalisten zum Gespräch. Auch das Sprachtalent Schlingensiefs erzeugt Genuss beim Lesen dieses Buchs. Während des Antwortens schien er seine gedankliche Arbeit weiterzuspinnen.

Schlingensief bei "Ausländer raus". <span class="copyright">APA</span>
Schlingensief bei "Ausländer raus". APA

Chronologisch geordnet, kann der Leser auch die Entwicklung Schlingensiefs nachzeichnen. Der Film, respektive das Bild, blieb die Wurzel seines Schaffens. Durch alle Genres hinweg wollte er den elitären Kunstbetrieb öffnen und Kunst für alle fruchtbar machen. Auch wenn er irgendwann nicht mehr die Straßen mit dem Megafon unsicher machte, seine Arbeit verlor nicht an Konsequenz.

Christoph Schlingensief. Kein falsches Wort Jetzt. Gespräche. Hg. Aino Laberenz. Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 23,70 Euro.

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