Kultur

Die Sehnsucht nach Kunst

08.01.2021 • 20:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Schauraum ZollART in Koblach. <span class="copyright">Wolfgang Ölz</span>
Der Schauraum ZollART in Koblach. Wolfgang Ölz

Von außen sind in Koblach Werke von Alois Galehr zu sehen.

Eine Linie in der Geschichte der Kunst führt von der Romantik, die in der Transzendenz nach dem Göttlichen sucht, zu einer Kulturindustrie in der Moderne, die mit ihren Produkten nur noch auf sich selbst verweist – und auch die Dinge der Kunst zu Sachen macht, die nur im hier und heute gelten und keinerlei Verweischarakter mehr aufweisen. Es ist kein Zufall, dass die Sehnsucht einiger Künstler heute sich wieder auf die vergangenen Hoffnungen der Romantik richten. Das beste Beispiel hierfür ist das Bild „Das Eismeer“ von Caspar David Friedrich. Die beiden Queer-Künstler*innen Jakob Lena Knebl & Ashley Hans Scheirl haben die Situation der auseinanderdriftenden Eisschollen prominent im Erdgeschoss des Kunsthaus Bregenz nachgestellt. In der „gescheiterten Hoffnung“, wie das Bild von Caspar David Friedrich auch genannt wurde, geht ein Schiff unter.

Wertlosigkeit

Bei Knebl & Scheirl ist es eine Couch vom Flohmarkt, die in den Fluten der Romantik unterzugehen scheint. Bei Alois Galehr ist es ein altes Fahrrad inmitten alter Lichtsteine, die per Zeituhr leuchten, das so wie das Schiff bei Friedrich und die Couch bei Knebl & Scheirl ständig unterzugehen scheint und laut Galehr eine tiefere Symbolik beinhaltet. Dabei ist es ein für den Künstler ganz besonderes Fahrrad: Er hat es vor 55 Jahren von seinem Vater geschenkt bekommen. Die Erinnerung der Kindheit geht unter in Lichtmomenten, die der Künstler aus Lichtsteinen baut, die er zufällig in Liechtenstein entdeckt hat und mit Bescheinigung der Wertlosigkeit aus dem Fürstentum nach Vorarlberg importiert hat.

Alois Galehr in der Ausstellung. <span class="copyright">Wolfgang Ölz</span>
Alois Galehr in der Ausstellung. Wolfgang Ölz

Ein selbst geschnitzter Zwerg trägt die damalige Bestätigung der Wertlosigkeit der Zollbeamten auf dem Buckel. Außerdem trägt er ein Fernglas und die rote Masche der Aidsbewegung. Der Zwerg ist natürlich auch ein Mittel der ironischen Selbstdistanzierung. Wieviel Zwerg steckt im Künstler, der das Madonnen-Schnitzwerkzeug des Vaters irgendwann posthum gefunden hat und aus dem Birnenstamm im eigenen Garten diesen Zwerg geschnitzt hat? Wieviel Zwerg steckt im kritischen Betrachter, der durch das Fenster des Zollamts, jetzt ZollART, auf den seltsamen, nicht normgerecht gewachsenen Zeitgenossen seinen Blick wirft? Das scharfzüngige, Karl Kraus fälschlicherweise zugeschriebene Wort „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten“ strahlt jedenfalls sein grellsatirisches Licht auf die Szene.

Intensives Kunst-Jahr

Der von außen ganzjährig einsichtige Schauraum, der seit zwei Jahren von Hilde Keemink von KunstVorarlberg kuratiert wird, kommt in der coronabedingt ausstellungslosen Zeit genau richtig. Hier kann jeder angesichts der Brücke nach Montlingen in der Schweiz und eines atemberaubenden Bergpanoramas, sich der Kunst widmen, ohne Ansteckungsrisiko. Für Galehr war auch das Coronajahr übrigens ein künstlerisch intensives. Der Vandanser konnte insgesamt fünf Mal ausstellen: Im ORF bei Harald Gfader einmal mit Hermann Präg und Hannes Ludescher sowie in der Gruppenausstellung „Augentrost“, in der Artenne in Nenzing in der von Kulturkritiker Karlheinz Pichler kuratierten Schau „Vom Fundstück zum Kunststück“, im Schaulager in der Villa Claudia und zum 25-jährigen Jubiläum der Villa Falkenhorst.

Wolfgang Ölz

Alois Galehrs Werke sind bis 28. Februar im Schauraum ZollART in Koblach, Falle 10, zu sehen.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.