Kultur

Ein Altar und seine Geschichte

15.01.2021 • 19:36 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Annenaltar im Feldkircher Dom.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Der Annenaltar im Feldkircher Dom. Klaus Hartinger

Heuer wird das 500-Jahr-Jubiläum des Annenaltars gefeiert.

Vor genau 500 Jahren, mitten im Umbruch vom Mittelalter in die Neuzeit, wurde im heutigen Feldkircher Dom der Annenaltar aufgestellt. Von dem berühmten Vertreter der sogenannten „Donauschule“ Wolf Huber geschaffen, gilt der prächtige Flügelaltar als einer der wertvollsten Kunstschätze Vorarlbergs. Das Jubiläum wird in diesem Jahr zum Anlass genommen, das Werk aus vielerlei Perspektiven in den Mittelpunkt zu rücken.

Zum Wettbewerb

Das Theater am Saumarkt, die Arge Schallwende (Festival für Neue Musik) und die Stadt Feldkirch laden Komponisten aus dem Vierländereck des Bodenseeraums zum ­Kompositionswettbewerb. Gesucht wird ein zeitgenössisches Chorwerk mit kleinem Ensemble. Die prämierten Werke werden im Rahmen eines Konzertes im ­Feldkircher Dom uraufgeführt. Infos gibt es unter www.­saumarkt.at.

Ab 20. Mai gibt es eine Ausstellung im Palais Liechtenstein, die sich mit der bewegten Geschichte des Objekts befasst. Bei einem Kompositionswettbewerb sind Werke gefragt, die den Altar zeitgenössisch interpretieren. Außerdem werden vom Vorarlberger Landestheater, in Kooperation mit Literatur Vorarlberg, Minidramen vor dem Altar umgesetzt, wie Sabine Benzer vom Theater am Saumarkt informiert. Das Haus kooperiert zum Jubiläum mit der Arge Schallwende und der Stadt Feldkirch. Die Stadt wird zudem noch von Grafikerin und Künstlerin Andrea Gassner bespielt, ein Schulprojekt mit dem Gymnasium Schillerstraße soll es auch geben: Hier sei laut Benzer ein „Augmented Realitiy“-Projekt geplant. Damit könnten zum Beispiel am Smartphone Bilder des Altars mit Informationen über das Werk versehen werden. Initiiert wurde das Jubiläumsjahr von Kirchenraumpädagoge Werner Gerold.

Flügel auf Wanderschaft

Viele Vorarlberger kennen den Altar, doch weiß wohl nicht jeder um die Bedeutung und den Hintergrund des Werks. Hans Gruber hat sich darüber bereits schlaugemacht – der Feldkircher Stadtbibliothekar kuratiert die Ausstellung zum Annenaltar. Er sieht dessen Geschichte und auch das Schaffen des Künstlers als „hochspannend“ an, wie er im Gespräch sagt. Huber wurde um 1480 in Feldkirch geboren, den Auftrag der Annenbruderschaft für den Altar, der 1515 vertraglich festgesetzt wurde, setzte er in seiner Werkstatt in Passau um. Dabei hielt er sich weitgehend an die Vorgaben, erklärt Gruber. 1521 wurde der Altar in der damaligen Annenkapelle in Feldkirch aufgestellt.

Das berühmte „Schweißtuch Christi“ an der Predella des Altars. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Das berühmte „Schweißtuch Christi“ an der Predella des Altars. Klaus Hartinger

Damit endet aber die Geschichte nicht, denn 1822 wurde der Altar in mehrere Teile zerlegt. Es stellte sich dann die Frage, wo sich die beidseitig bemalten Seitenflügel befinden. Historiker Manfred Getzner hat akribisch rekonstruiert, wie die Seitentafeln über Umwege in die Klosterkirche Riedenburg gelangten. Neben der Ausstellung wird diese Geschichte übrigens auch in einer Publikation der Rheticus-Gesellschaft zu erfahren sein. Als zu Beginn des Zweiten Weltkriegs die Schule des Sacré Coeur Riedenburg geschlossen und zu einem Lazarett umgebaut wurde, gelangten die Tafeln in eine „Besenkammer“, wo sie 1953 der Landeskonservator Erwin Heinzle entdeckte. Der Schweizer Kunstsammler Emil Georg Bührle „rettete“ die Flügel von privaten Interessenten, indem er sie erwarb und dem Kunsthistorischen Museum in Wien als Leihgabe zur Verfügung stellte. Dort wurden sie restauriert und 1967 dem heutigen vorarlberg museum übergeben. Eine Initiative setzte sich für eine Rückholung nach Feldkirch ein, die 2006 erfolgte.

Landschaftsmalerei

Der Altar gilt als ein bedeutendes Hauptwerk Hubers. 162 eigenhändige Zeichnungen, 13 Holzschnitte und 28 Gemälde können heute dem Künstler zugeschrieben werden. Spannend findet Gruber unter anderem, dass sich dessen Schaffen an der Schwelle zur Neuzeit verorten lässt. Huber malte etwa ungewöhnlicherweise viele nicht-religiöse Motive, wie in der Renaissance beliebte griechische Mythen-Szenen, in der autonomen Landschaftsmalerei nördlich der Alpen gilt er als Pionier. Die Kunstfertigkeit und die Wirkung von Hubers Schaffen ist unbestritten: „Von den insgesamt zehn Bildern (des Altars, Anm.), jedes eindrücklicher als das andere, steht die Beweinung Christi im Mittelpunkt. Kann man diese verhaltene Trauer noch intensiver darstellen, als es Wolf Huber ausgedrückt hat?“, lautet die rhetorische Frage von Jubiläums-Initiator Gerold.