Kultur

Ein rühriger Rabbiner in Hohenems

30.01.2021 • 14:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Aron Tänzer war von 1896 bis 1905 Rabbiner in Hohenems. <span class="copyright">Jüdisches Museum Hohenems</span>
Aron Tänzer war von 1896 bis 1905 Rabbiner in Hohenems. Jüdisches Museum Hohenems

Online-Veranstaltung zum 150. Geburtstag von Aron Tänzer.

In Anbetracht der Zeitspanne von 8,5 Jahren, in der Aron Tänzer in Hohenems gewirkt hatte, hat er Beachtliches hinterlassen, meint Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. Auch diese Institution hat dem Rabbiner, jüdischen Reformer, engagierten Volksbildner und Autor wissenschaftlicher Publikationen einiges zu verdanken. Genau heute ist der 150. Geburtstag des 1937 verstorbenen Gelehrten – ein Anlass, Tänzer eine große Online-Veranstaltung zu widmen, die in dieser Form auch nur digital möglich ist, wie Loewy im Gespräch anmerkt: In Kooperation mit dem Stadtarchiv Hohenems, der Stadt Göppingen, dem Jüdischen Museum Meran und der Jüdischen Gemeinde Bratislava wurde ein internationaler „Geburtstagsabend“ organisiert, an dem unter anderem Tänzers Nachfahren in den USA zu Wort kommen. Von Bürgermeister Dieter Egger soll es auch noch eine Überraschung geben.

Genealogie

Tänzer wurde 1871 in Bratislava, damals Preßburg, geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, der frühbegabte Schüler studierte nach der Rabbinatsschule in Berlin Philosophie, Germanistik und semitische Philologie, wie Raphael Einetter, Mitarbeiter des Jüdischen Museums, in einem Beitrag festhielt. Ende des Jahres 1896 wechselte Tänzer mit ­seiner Frau Rosa vom ungarischen Totis nach Hohenems, wo er die freie Stelle als Rabbiner antrat.

Das Hohenemser Rabbinatshaus wurde 1969 abgerissen. <span class="copyright">Jüdisches Museum Hohenems</span>
Das Hohenemser Rabbinatshaus wurde 1969 abgerissen. Jüdisches Museum Hohenems

Tänzer tat in Hohenems weit mehr, als seine Pflicht war. Der Rabbiner beschäftigte sich eingehend mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde, woraus das 800-Seiten-Werk „Geschichte der Juden in Hohenems“ (1905) hervorging. Unter anderem darin enthalten ist eine umfassende Genealogie der jüdischen Hohenemser Familien. Wie Loewy betont, war dieses Werk wichtig für viele emigrierte Familien. „Für viele im Ausland lebende Juden entstand dadurch ein Bewusstsein für ihre Hohenemser Wurzeln“, so Loewy. 1900 lebten laut diesem lediglich 90 Juden in der Gemeinde, 1850 waren es noch 550. Das Jüdische Museum nutzt das monumentale Standardwerk für seine Forschungen.

Liberaler Denker

Bevor Tänzer 1905 nach Meran zog, engagierte er sich sehr in der Gemeinde. Der Rabbiner bereitete die Bestände an Dokumenten im Rathaus auf und gründete damit faktisch das Hohenemser Stadtarchiv. Archivmitarbeiter würden heute noch die Gründlichkeit seiner Arbeit loben, erzählt Loewy. Tänzer nahm sich zudem der Wohltätigkeitsvereine an und widmete sich der Erwachsenenbildung, etwa mit dem „Bildungsclub Hohenems“. Seine Arbeit gründete auf der Haltung seines großen Vorbildes und Lehrers Moritz Lazarus. Dieser war ein bedeutender Vertreter des deutschen Reformjudentums und ein liberaler Denker.

Aron Tänzer (Mitte) vor einer jüdischen Volksküche in Polen. <span class="copyright">Jüdisches Museum Hohenems</span>
Aron Tänzer (Mitte) vor einer jüdischen Volksküche in Polen. Jüdisches Museum Hohenems

Der Rabbiner glaubte an den Fortschritt durch den menschlichen Geist, er leis­tete aufklärerische Arbeit und interessierte sich unter anderem für Naturwissenschaften. Wie Loewy erzählt, habe ein Vortrag über die Evolutionstheorie – damals im Ländle noch revolutionäres Gedankengut – hohe Wellen geschlagen. Die (sehr wenigen) orthodoxen Juden in Hohenems und die konservativen Katholiken hätten keine Freude mit Tänzer gehabt, so Loewy. Die jüdische Religion betrachtete der Rabbiner aus einer ethischen Perspektive.

Zur Veranstaltung

„150 Jahre Aron Tänzer. Ein Geburtstagsabend“. Die Online-Veranstaltung (auf Englisch) startet heute um 19.30 Uhr. Die Zoom-Konferenz ist zwar auf 100 Personen beschränkt, es gibt aber auch einen frei zugänglichen Livestream auf YouTube. Den Link und Infos gibt es auf ­www.­­jm-hohenems.at.

1905 wechselte Tänzer nach Meran, wo er Lazarus’ Nachlass bearbeitete und sich um das Rabbinat bemühte. Doch Streitigkeiten um Merans Streben nach einem eigenständigen Rabbinatsbezirk für Südtirol – auch Hohenems und Tirol lagen damals im selben Bezirk – machten seinem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. 1907 zog er mit seiner Familie ins würt­tembergische Göppingen. Seine wissenschaftlich-publizistische Karriere setzte er nach dem Ers­ten Weltkrieg fort, in welchem er als Feldrabbiner tätig war und Volksküchen einrichtete – ganz Aron Tänzer eben.