Kultur

Getestet zur Theaterprobe

19.02.2021 • 06:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Alle meine Söhne" soll im Mai am Landestheater zu sehen sein. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
"Alle meine Söhne" soll im Mai am Landestheater zu sehen sein. Anja Köhler

Probenbesuch zu „Alle meine Söhne“ am Landestheater.

In Zeiten wie diesen im Theater zu sitzen und ein Stück zu sehen, ist ein großes Privileg – umso lieber sind einige Pressevertreter aus der Region dem kurzfristigen Ruf des Vorarlberger Landestheaters gefolgt: Geladen wurde am Mittwoch­abend zu einem Probendurchlauf von Arthur Millers „Alle meine Söhne“. Niklas Ritter inszeniert das große Stück Theaterliteratur, das voraussichtlich im Mai dem Publikum präsentiert wird. Probe hin oder her, die Inszenierung scheint schon sehr gereift, die Schauspieler sind offenbar bereit zu spielen, und so war das unerwartete Ereignis durchaus erfreulich.

Niklas Ritter inszeniert Arthur Millers Stück. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Niklas Ritter inszeniert Arthur Millers Stück. Anja Köhler

Einen Vorgeschmack gab es nicht nur auf die Inszenierung, sondern auch auf das mögliche zukünftige Prozedere eines Theaterbesuchs, so mussten die Journalisten erst eine im Foyer aufgebaute Teststation durchlaufen. Durch die Mithilfe von Rot-Kreuz-Mitarbeitern verlief alles reibungslos, der genaue Ablauf der Testung im Haus muss aber wohl für eine größere Anzahl von Besuchern noch adap­tiert werden. Der Gedanke an Covid-Testungen im Theater ist wohl für einige (noch) befremdlich, wie also das Publikum das „Reintesten“ schließlich annehmen wird, wird sich zeigen. Das Landestheater scheint jedenfalls gerüstet zu sein.

Verantwortung

Ritter hat das Stück des Pulitzer-Preisträgers Miller sorgsam ins Heute geholt, ohne die Grundzüge des Erfolgswerks zu verfälschen. Der Mikrokosmos einer Familie ist die Folie, auf der erkennbar wird, was schiefläuft in einer Welt, die allein von Geld, Geschäft und Erfolg getrieben ist. Das notwendige Scheitern des Amerikanischen Traums sowie des Individuums gegenüber dem großen Ganzen wird hier noch ergänzt durch die absurd-grausamen Auswüchse des Kriegs. Ensemblemitglied Günter Alt hat als Joe Keller seinen großen Auftritt. Dieser führte mit seinem Partner Steve Deever ein Unternehmen, das die Rüstungsindustrie belieferte. Fehlerhafte Teile ließen 21 Militärflugzeuge abstürzen, es gab Tote. Joe wälzte die Verantwortung auf seinen Partner ab, der nun im Gefängnis sitzt, während die verdrängte Schuld unter der Oberfläche an der Familie Keller nagt.

Ein großer Tisch auf einer beinahe leeren Bühne. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Ein großer Tisch auf einer beinahe leeren Bühne. Anja Köhler

Nach oben gespült wird die vergrabene Last durch den Besuch von Ann Deever (Vivienne Causemann), die ehemalige Verlobte von Joes Sohn Larry, der seit drei Jahren vermisst wird – er verschwand im Kriegseinsatz. Kate Keller (Katharina Uhland) will den Tod des Sohnes nicht wahrhaben und versucht, die Beziehung von Larrys Bruder Chris (Luzian Hirzel) und Ann zu kappen. Als auch noch Anns Bruder George auftaucht, sind die Kellers gezwungen, der Schuld ins Auge zu blicken.

Drohnen

Im Garten der Familie spielt sich das ganze Geschehen ab, Ritter hat ein paar Figuren gestrichen, was das Ganze beinahe zum Kammerstück macht. Die Live-Musik von Tilman Ritter und Pauline Jung, an der auch die Darsteller Causemann, Hirzel, Konstantin Lindhorst und Uhland beteiligt sind, verleiht dem Spiel noch über die Dialoge hinaus emotionale Momente. Bis zum bitteren Ende – bitter zumindest für die ältere Generation – schneien schwarze Flocken vom Himmel, die sich am Boden zu einem luftigen Teppich ansammeln: keine neue Idee, aber eine gute Ergänzung zu dem sonst reduzierten Bühnenbild von Ines Burisch und Regisseur Ritter. Wie in „Welt am Draht“ ist die nackte Bühnenwand zu sehen, alles konzentriert sich auf den Tisch im Zentrum. Verlegt hat Ritter das ferne Kriegsgeschehen, das nun im Nahen Osten stattfindet. Was dem ebenfalls im Kriegsdienst gestandenen Chris zu schaffen macht, ist das Töten durch das Steuern einer Drohne: eine gute, leider passende Art der Vergegenwärtigung.

Eine Probe ist noch kein fertiges Stück, doch könnte man dafür wahrscheinlich ein paar Sekunden „Nasenbohren“ riskieren.