Kultur

Wenn die Liebe trotzdem hält

23.02.2021 • 14:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Filmregisseur, Musiker und Autor Reinhold Bilgeri (70).<span class="copyright"> APA</span>
Filmregisseur, Musiker und Autor Reinhold Bilgeri (70). APA

Reinhold Bilgeri zelebriert in seinem neuen Buch die Ehe.

Das Porträt eines stillstehenden, gespaltenen Landes, vor allem aber ein Hohelied der ehelichen Liebe soll der neue Roman – genauer gesagt die neue Novelle – „Die Liebe im leisen Land“ von Reinhold Bilgeri (70) sein. In das von der Pandemie und sozialen Konflikten geprägte New York platziert er ein Ehepaar, das im Ereignis-Vakuum des Shutdowns seine Beziehungsprobleme zuerst zu einem Höhepunkt führt und dann überwindet. Dynamisch und lässig erzählt Bilgeri diese durchaus unterhaltsame Geschichte, die dann aber doch nicht ganz glückt. Der Vorarlberger Musiker, Filmregisseur und Autor hat zwar das Talent, filmische Erzählweisen literarisch einzusetzen, das macht das Ganze lebendig. Die sehr ausgeschmückten sprachlichen Bilder und Konstruktionen aber, die manchmal recht ungefeilt erscheinen, sind stets geprägt von dem schmalzigen Grundton dieser Novelle.

“Wirkliches Leben”

Tom und Amy sind seit fünf Jahren verheiratet. Er ist ein aus Wien stammender Reuters-Reporter, sie eine erfolgreiche Anwältin, der US-amerikanischen upper class entsprungen. Die Stimmung ist angespannt, ein unerfüllter Kinderwunsch ist eine der Ursachen. Eine andere ist Toms Festhalten an einer romantischen Vorstellung des unsteten Abenteurers – Auswuchs einer kindischen Angst vor der Verantwortung im „wirklichen Leben“, wie der Arthur-Rimbaud-Verehrer am Ende einsehen muss. Wer verheiratet ist, hat eben kompromisslos „Ja“ gesagt zum gemeinsamen Leben.

Reinhold Bilgeri. Die Liebe im leisen Land. Amalthea, 176 Seiten, 22 Euro.

Lange stockt die Kommunikation zwischen den beiden, Amy schweigt. Alles weist bereits auf den Moment hin, da die Spannungen zwischen dem Paar gelöst werden. Davor aber begeben sich beide auf pikante Eskapaden, die jeweils rechtzeitig gestoppt werden, weil das Liebes-Band zwischen Tom und Amy stärker ist. Die smarte Anwältin will mit außerehelichem Sperma ihr Glück versuchen, doch der Koitus mit einem Arbeitskollegen geht in die Hose. Bilgeri beschreibt diese Szene – wie alle intimen Momente – sehr plastisch.

Bilgeri möchte, wenn möglich, heuer seine abgesagte Geburtstags-Tournee nachholen. <br><span class="copyright">Jens Ellensohn Fotografie</span>
Bilgeri möchte, wenn möglich, heuer seine abgesagte Geburtstags-Tournee nachholen.
Jens Ellensohn Fotografie

Bei Tom wird weiter ausgeholt, er ist es auch, der im Zuge seiner Arbeit der menschenleeren Stille der Stadt lauscht, die zuerst nur durch Sirenengeheul durchbrochen wird. Später flammen dann auch kurz die „Black Lives Matter“-Demonstrationen auf. Bilgeri scheint es ein Anliegen zu sein, dem Leser den tiefen gesellschaftlichen Spalt der Vereinigten Staaten in einer Art kritischen Liebeserklärung vor Augen zu führen.

Stolperfalle

Tom wird, als er eine Menschenschlange vor einem Wohnhaus entdeckt, Zeuge eines Selbstmordes: Ein älterer Herr stürzt aus dem Fenster, eigentlich wollte auch seine Frau mitspringen, doch sie blieb zurück. Das Corona-infizierte Ehepaar Gleeson hatte Angst, der Triage zum Opfer zu fallen. Frau Gleeson stirbt später im Krankenhaus, an ihrem Bett wacht – ohne große Sicherheitsvorkehrungen – Tom. „Er starrte auf diese dürren, langen, eleganten Finger, die wie kostbares antikes Besteck vor ihm lagen, als führten sie ein Eigenleben …“. Die 19-jährige Lucy, die wie eine Tochter bei den Gleesons gelebt hatte, ist die Stolperfalle für den Journalisten. Er ist geblendet von dieser Mischung aus Unschuld, innerer Reife und Lolita-Erotik. Bei ihrem Anblick in einer Bar, in der sie kellnert, erfühlt er „offenes Land, in das man eintreten konnte, in dem Sicherheit garantiert ist, grenzenlos und ohne Stoppschild.“

Kolibri

Der Körper versagt im letzten Moment den Betrug, Tom kommt mit Amy in einem katholischen Hotel zusammen, wo sie sich tagelang durch viel Sex und gegenseitiger Beichte wiedervereinen. Ein paar Wochen später dann das Babyglück. Und: „Draußen vor dem Fenster schwebte ein Kolibri und sah den beiden bei der Liebe zu, was immer das bedeuten mochte.“

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