Kultur

„Gelingt uns nicht, dem Ich zu entkommen“

05.03.2021 • 18:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Eva Schmidt. <span class="copyright">Felder-Archiv/Lisa Mathis</span>
Eva Schmidt. Felder-Archiv/Lisa Mathis

Eva Schmidt spricht im Interview über ihr neues Buch.

Bei den Menschen, die sich in Ihrem neuen Erzählband begegnen, bleibt oft eine Distanz bestehen, es bleibt ein Abstand zur „Welt gegenüber“. Ist diese Distanz zum Anderen überwindbar, und wollen wir sie überhaupt überwinden?
Eva Schmidt:
Ich wollte den Erzählband „Die Welt gegenüber“ nennen, gerade weil in den meisten, oder fast allen Geschichten der Versuch, die Distanz zum jeweiligen Gegenüber zu überwinden, eine genauso wichtige Rolle spielt wie die Einsicht, dass es letztlich fast unmöglich erscheint, wirkliche Nähe zu empfinden. Das Empfinden von Nähe entsteht ja immer aus dem eigenen Gefühl, jemandem nahe zu sein, etwas „für ihn“ zu empfinden. Andere so wahrzunehmen, wie sie sich selber fühlen, scheint jedoch unmöglich, weil es uns nicht gelingt, dem eigenen Ich zu entkommen. Diese Thematik spielt in meiner Literatur vermutlich eine fast programmatische Rolle. Gleichzeitig liebe ich es, Menschen in Dis­tanz zueinander wahrzunehmen, weil zu viel Nähe oder auch nur der Wunsch nach Nähe, imstande ist, vieles zu zerstören.

Sich eine Geschichte zu den Menschen, die wir beobachten, auszudenken, tut wahrscheinlich jeder. Sind Sie als Schriftstellerin besonders darin geübt?
Schmidt:
Menschen zu beobachten ist fast eine Sucht, man könnte es humoristisch auch als literarische Verhaltensforschung bezeichnen. Mir passiert es oft, dass ich Menschen, die ich sprechen höre, gar nicht wirklich zuhöre, sondern mehr an ihren Gesten, ihrer Mimik, ihrem Ausdruck interessiert bin. Wenn ich zum Beispiel Politiker beobachte, klinke ich das, was sie zu sagen haben, manchmal aus, weil ihre Körpersprache oft aufschlussreicher ist als ihre Worte.

Zur Person

Eva Schmidt wurde 1952 geboren, sie lebt in Bregenz.

Mit „Ein langes Jahr“ gelang ihr 2016 nach fast 20 Jahren ohne Neuerscheinung ein erfolgreiches Comeback im Literaturbetrieb. Mit dem Episodenroman schaffte es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, was ihr drei Jahre später mit „Die untalentierte Lügnerin“ erneut gelang. Was damals galt, hat unverändert Gültigkeit: „Eva ­Schmidt ist mittendrin. Und bleibt doch ostentativ unberührt von alledem. Erst diese Erzählhaltung macht das Erzählte außergewöhnlich.“

Entstehen alle Ihre Geschichten durch Beobachtungen im Alltag?
Schmidt:
Manche meiner Geschichten entstehen aus Beobachtungen von Menschen, über die ich gar nichts weiß und die ich nicht kenne. Irgendetwas an ihnen hat einen Eindruck hinterlassen, dem ich nachgehen möchte. Ich lerne fremde Menschen dann sozusagen kennen, indem ich beginne, über sie zu schreiben. Aber nicht immer steht eine reale Beobachtung am Beginn einer Geschichte, viele Figuren sind einfach nur fiktiv.

Sie haben in einem „ORF“-Interview erwähnt, dass Ihnen für die Erzählungen unter anderem die Fotografien von Gregory ­Crewdson als Inspiration gedient haben. Wie sind Sie darauf gestoßen?
Schmidt:
Durch die Beschäftigung mit Fotografie bin ich auf Gregory Crewdson gestossen. Seine inszenierten Fotos faszinieren mich, weil sie auf den ersten Blick scheinbar übergenaue, realistische Szenen zeigen, die aber gleichzeitig ungeheuer abgründig, unheimlich und beängstigend sind. Crewdson hat als Kind die Sitzungen seines Vaters, eines Psychoanalytikers, durch einen Heizungsschacht belauscht und wenn man seine Bilder betrachtet, kann man sich vorstellen, was diese Berichte in ihm ausgelöst haben.

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