Kultur

“Felder ist wie ein Landesvater”

08.04.2021 • 11:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Autor Maximilian Lang. <span class="copyright">Maria Noi</span>
Autor Maximilian Lang. Maria Noi

Max Lang über sein neues Stück “Sprich nur ein Wort”.

Als Denkmalstreit in die Geschichte eingegangen ist ein Konflikt rund um die Platzierung des posthumen Denkmals zu Ehren des Sozialreformers und Schriftstellers Franz Michael Felder. Der Streit Mitte der 1870er-Jahre spaltete nicht nur die Gemeinde Schoppernau, sondern gilt als Exempel für den Konflikt zwischen konservativ-katholischen und liberalen Kräften. Der aus Bregenz stammende Autor Max Lang hat den Denkmalstreit als Ausgangspunkt für sein neues Stück genutzt. „Sprich nur ein Wort“ wird am Freitag am Vorarlberger Landestheater uraufgeführt, Regie führt Bérénice Hebenstreit.

Ihr neues Stück ist ein Auftragswerk. War vom Vorarlberger Landestheater auch das Thema vorgegeben?
Maximilian Lang: Nein, das Thema habe ich vorgeschlagen. Ich habe mich schon mit Franz Michael Felder beschäftigt, als ich Monologe für das Felder-Archiv für die Ausstellung in Dornbirn geschrieben habe. Da ist mir die Idee gekommen, ein Stück über Felder zu schreiben. Seltsamerweise hat seit Jahrzehnten niemand ein Stück über ihn geschrieben. Das hat mich gewundert, denn es ist doch sehr spannend, was das politische Engagement von Felder für einen Wirbel hervorgerufen hat.

Zur Person

Maximilian (kurz: Max) Lang wurde 1986 in Bregenz geboren. Er studierte Komparatistik in Wien, wo er seit 2018 permanent lebt. Lang ist als freier Autor tätig, für das Theater schrieb er unter anderem „The Parzival Company“ (UA 2016, Theater Kosmos) und „Last Exit: Hunnenland“ (2018, Nibelungenfestspiele Worms).

Exemplarisch für diesen Wirbel ist der Denkmalstreit, der sich nach dem Tod Felders in Schoppernau entbrannt hat. Geht es in Ihrem Stück darum?
Lang: Der Denkmalstreit ist die Situation. Das Denkmal steht auf der Bühne bereit, es ist aber noch nicht aufgestellt. Draußen vor dem Gasthaus, wo es zwischengelagert wird, versammeln sich Befürworter und Gegner von Felder. Die einzelnen Figuren treten an das Denkmal und führen Monologe.

Pfarrer Johann Georg Rüscher, Felders Widersacher, wird von Grégoire Gros verkörpert. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Pfarrer Johann Georg Rüscher, Felders Widersacher, wird von Grégoire Gros verkörpert. Anja Köhler

Auffällig ist dabei, dass die Person, um die es geht, nicht spricht – Felder ist da ja bereits verstorben. Wieso haben Sie gerade ihm keine Stimme verliehen?
Lang: Ich denke, dass gerade dadurch sein großer Einfluss über seinen Tod hinaus erkennbar wird. Felder ist bereits verstorben, er ist aber ständig präsent, die Figuren beschäftigen sich immer noch mit den Konflikten, die er ausgetragen hatte – und die sie nicht mehr lösen können, weil er nicht mehr da ist. Sie tragen diese Wunden immer noch in sich, und die tragen sie an das Denkmal heran. Felder ist eine Leerstelle in dem Stück, und die Figuren versuchen diese gemeinsam mit dem Zuschauer zu füllen. Ich wollte dadurch, dass ich ihn nicht auftreten lasse, auch eine weitere Vereinnahmung Felders verhindern.

Zum Stück

„Sprich nur ein Wort“ wird am morgigen Freitag um 18 Uhr im Großen Haus des Vorarlberger Landestheaters uraufgeführt. Termine und Karten: www.landestheater.org.

Wie meinen Sie das genau?
Lang: Felder ist von den Liberalen über die Kommunisten bis zu den Sozialdemokraten vereinnahmt worden. Und wenn ich ihn auf die Bühne stelle, dann zeige ich meine eigenen Zuschreibungen. Dann zeige ich „meinen“ Felder, und das wollte ich nicht. Ich will lieber zeigen, was er ausgelöst hat. Aus heutiger Sicht erscheint seine Person ja immer noch makellos. Man kann noch so lange in seinen Schriften und Korrespondenzen wühlen, und findet keinen Makel. Er war weder frauenfeindlich noch antisemitisch, und eignet sich deshalb auch heute noch gut als Projektionsfläche, er ist so etwas wie ein Landesvater. Jeder wehrt sich aber gegen die Vereinnahmung des anderen. Wenn zum Beispiel Markus Wallner Felder in den Mund nimmt, regen sich Wallners Kritiker auf und merken dabei gar nicht, dass sie ihn für sich selbst beanspruchen. Das wollte ich vermeiden, und auch ein wenig thematisieren.

Die Figuren in Ihrem Stück brauchen also „ihren“ Felder?
Lang: Über allem steht die große Sehnsucht nach Felder. Das sagt auch der Titel, auch wenn er ironisch gemeint ist. Religion ist auch ein Thema, beziehungsweise der Missbrauch der Religion durch den Pfarrer. Pfarrer Rüscher ist eine spannende Figur, weil er so böse ist, ein richtig übler Typ. Er war total eindimensional in seinem Denken. Seine Boshaftigkeit habe ich auf ein menschliches Maß heruntergeschraubt, sonst wäre er zur Karikatur geworden. Es gibt reale Dinge, die lassen sich auf der Bühne schwer zeigen, weil sie dort unglaubwürdig werden. Da muss man Umwege gehen, versuchen zu verstehen, aus welcher Motivation der Pfarrer gehandelt hat. Dann unterstellt man ihm vielleicht Dinge, die gar nicht vorhanden waren.

Was für ein Bild von Felder haben Sie bei Ihren Recherchen gewonnen?
Lang: Für mich ist Felder ein sehr vielschichtiger Mensch. Er war einerseits sehr bodenständig, gläubig, solide, pragmatisch. Auf der anderen Seite war er ein Träumer, aber kein Ideologe. Deshalb gibt es auch diese Zuschreibungen von links und rechts, weil er sich nicht auf eine Ideologie festmachen lässt.

Was fasziniert Sie am meisten an ihm?
Lang: Was mich sehr beeindruckt, ist diese enge Verzahnung von Literatur und Arbeit. Felder hat tagsüber am Feld und im Stall gearbeitet, und am Abend hat er über diese Arbeit geschrieben, und wie sich die Arbeitsumstände in seiner Umgebung verbessern können. Das, was er in seiner Arbeit erlebt hat, ist in die Literatur eingeflossen, und seine Literatur hat wiederum seine Lebensumstände beeinflusst. Dieses umfassende Konzept erscheint mir einzigartig. Besonders an Felder ist auch, dass er den Blick in die Zukunft gerichtet hat. Jürgen Thaler, der Leiter des Felder-Archivs, hat das sehr gut beschrieben: Ein Bauer denkt eigentlich in Zyklen, in Jahreszeiten, in Saat und Ernte. Felder hat seinen Blick weiter nach vorne gerichtet. Das ist sehr erstaunlich – diese permanente Neugier und der ständige Versuch, die Dinge um sich herum zu ordnen.

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