Kultur

Die Last von Felders Erbe

12.04.2021 • 13:03 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Sprich nur ein Wort" wurde am Vorarlberger Landestheater uraufgeführt. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
"Sprich nur ein Wort" wurde am Vorarlberger Landestheater uraufgeführt. Anja Köhler

Langs Felder-Stück ­entschärft die ­Extreme des Konflikts.

Ein riesiger schwarzer Monolith ist das Symbol des Erbes, das sechs Jahre nach dem Tod Franz Michael Felders über seinem Bregenzerwälder Heimatdorf Schoppernau schwebt. Es ist das Denkmal, das den Solzialreformer und Schriftsteller Felder ehren soll, doch bevor es errichtet wird, vertieft es den Graben in der Gemeinde. Das Spannungsfeld zwischen den Felder-Befürwortern und seinen erbitterten Gegnern wird in Maximilian Langs Stück „Sprich nur ein Wort“ mit vier Figuren verkörpert. Sie halten Zwiesprache mit dem Denkmal, erzählen von ihrer Lage, ihren Sorgen, den offenen Fragen, die Felders früher Tod hinterlassen hat – doch Felder antwortet nicht. Schließlich geht es in Langs Werk auch um das Abschiednehmen, und zwar von einem Menschen, der zwar ein bis heute bedeutendes Werk hinterließ, aber auch eine Lücke.

Pfarrer Rüscher wird von Grégoire Gros verkörpert. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Pfarrer Rüscher wird von Grégoire Gros verkörpert. Anja Köhler

Bérénice Hebenstreit hat das Stück inszeniert, das am Vorarlberger Landestheater uraufgeführt wurde. Sie führt die Figuren an das Denkmal heran, immer wieder lässt sie Stimmen aus dem Dorf durchdringen, die sich mit den Worten der Darsteller vermischen. Aus der Ferne dringen gelegentlich die Geräusche der Masse vor dem Gasthaus herein, in dem das Denkmal gelagert wird. Schlussendlich aber konzentriert sich alles auf die Monologe der Hinterbliebenen, etwa von Kaspar Moosbrugger: David Kopp verkörpert Felders Schwager, engsten Freund und Mitstreiter. Er erzählt Felder von den vergangenen Jahren, die ruhig verliefen, bevor sich mit dem Denkmalstreit erneut die Flamme entzündete. Im Nachhinein versucht Moosbrugger, die Beziehung zu Felder zu rekonstruieren. Was da mitschwingt, ist auch ein Hauch von Neid: Felder bleibt den Menschen in Erinnerung. Wenn nach seinem eigenen Tod doch zumindest eine Straße nach ihm benannt werden würde!

Hass

Der Auftritt von Felders Widersacher wurde wohl schon mit Spannung erwartet. Grégoire Gros zeigt Pfarrer Rüscher als einen unheimlichen, eigentlich ruhigen Typen, der aber schnell in Rage gerät – und zwar dann, wenn jemand versucht, seine Schäfchen zu stehlen. Rüscher will seine Wirkungsmacht nicht verlieren, Lang legt ihm jedoch noch den Willen bei, Frieden stiften zu wollen. Er sei ja auf Felder zugegangen: „Wärst du ein Mal zu mir gekommen!“ Der tiefe Hass blitzt zwar durch, doch von den Zornesreden von der Kanzel herab, die einst die Schoppernauer gegen Felder angestachelt haben, ist kaum etwas zu erkennen.

Versöhnung

Elke Maria Riedmann spielt die Pfarrköchin. Sie versteht den Pfarrer, gibt auch zu, gegen Fel­der gehetzt und Lügen verbreitet zu haben. Einerseits bereut sie das, erzählt, dass sie sogar Bücher von Felder gelesen hat. Sogar die Genossenschaft, die er gegründet hatte, befindet sie für eine gute Idee. Doch Felder habe übertrieben, an eine Versöhnung mit seinen Anhängern ist nach dessen Tod nicht zu denken. Erst am Ende kommt Maria Anna Moosbrugger zu Wort, nachdem sie zuvor ein Lied gesungen hat – diese Einlage wäre nicht unbedingt notwendig gewesen. Mariann hat sich nach dem Tod von Felders Frau Nanni um die Kinder gekümmert, nach dem Tod Felders will sie ihn weiterhin ganz für sich, sie lehnt das Denkmal im Dorf ab – und wird am Ende von diesem verschluckt. Mit einem gefühlvollen Lied verabschieden sich die Figuren. Was bleibt, ist die Frage, ob sich die Nachwelt an die Mühen erinnert, mit welchen die Reformen errungen wurden.

„Sprich nur ein Wort“ von Maximilian Lang. Infos und Termine: www.landestheater.org. Die Inszenierung wird auch als Aufzeichnung zu sehen sein – online und im Open-Air-Kino im Sommer.

Lang streut einige witzige Passagen ein. Der Autor setzt mehr auf einen differenzierteren Blick in das Innere der Figuren, als dass er den beinharten Kampf der verhärteten Fronten darlegt. Es ist eine kluge, aber wohl keine historisch präzise Auseinandersetzung mit Felder – doch muss das überhaupt sein? Mit Hebenstreits Inszenierung, den Darstellern und dem Bühnenbild von Mira König ist jedenfalls ein sehenswertes Stück zu sehen.