Kultur

Einstand mit Gestaltungslust

19.04.2021 • 23:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Konzert des Symphonieorchester Vorarlberg in Götzis. <span class="copyright">Thomas Schrott</span>
Das Konzert des Symphonieorchester Vorarlberg in Götzis. Thomas Schrott

Leo McFall konnte erstmals als neuer Chefdirigent auftreten.

Endlich durfte er sein Or­ches­ter dirigieren, endlich durfte das SOV wieder auftreten, und das vor Publikum! Vor gut zwei Jahren hatte das Symphonieorchester Vorarlberg nach zwei höchst inspirierten Gastdirigaten mit dem Engländer Leo McFall seinen neuen Chefdirigenten erkoren, doch hat Corona alle bisher geplanten Konzerte ausgebremst. Die Freude der Musizierenden und des Publikums in der Kulturbühne Ambach war geradezu greifbar, als das SOV jetzt die Chancen der kulturellen Öffnung nutzte und je 100 Hörer in zwei Konzerten begrüßen durfte.

Blühende Melodien

Mit seinem „Siegfried-Idyll“ hatte Richard Wagner seine Frau Cosima am Morgen des 25. Dezember 1870 zu ihrem 33. Geburtstag überrascht, als 15 Musiker aus dem Zürcher Tonhalle-Orchester es im Treppenhaus der Villa in Tribschen am Vierwaldstädter See musizierten. Motive aus der Oper „Siegfried“ mit Hornruf und Waldvöglein verbinden sich voller Poesie zu einem musikalischen Gruß, in den auch das „Gezwitscher“ des gerade eineinhalbjährigen Sohns Siegfried eingeflossen ist. Bei McFall ist jede seiner klaren Gesten eine Einladung zu großen Bögen und blühenden Melodien, die er mit feinen Übergängen gestaltet. Konzertmeister Pawel Zalejski und seine Streichergruppe mit der übrigens enorm hohen Frauenquote breiteten den Bläserinnen und Bläsern einen wunderbar farbenreich gewebten Klangteppich. In ruhig atmender Phrasierung führte der in Finnland ausgebildete britische Dirigent das Orchester zu organischen Steigerungen und innigem Ausklang.

Leo McFall. <span class="copyright">Thomas Schrott</span>
Leo McFall. Thomas Schrott

Der Schwerpunkt im Repertoire der Sopranistin Miriam Feuersinger liegt auf der Barockmusik – zu erleben etwa immer wieder mit ihrem Zyklus der solistischen Bachkantaten in Bregenz und Feldkirch. Für dieses Konzert hatte sie drei ebenso wunderschöne wie anspruchsvolle geistliche Arien von W. A. Mozart ausgewählt. Mit ihrem leuchtenden Sopran, der Wärme und Beweglichkeit ihrer Stimme ist die Sängerin auch bei Mozart bestens aufgehoben. In „Tu virginum corona“, dem Mittelteil der Motette „Exsultate, jubilate“ verströmte sie sich in berührender Schlichtheit. Das „Laudamus te“ aus der c-Moll-Messe mit seinem Reichtum an Koloraturen und Sprüngen im weit gespannten Ambitus meis­terte die Sopranistin ebenfalls mit Leichtigkeit im freudigen Lobgesang, gemeinsam mit McFall und dem so angeregt differenzierenden Orchester.

Prosecco-Laune

Mag sich auch der Frühling im Rheintal noch etwas zurückhalten, mit dem fröhlichen aufspringenden Pulsieren von Streichern und Bläsern in Felix Mendelssohn-Bartholdys vierter Sinfonie, der „Italienischen“, gab es geradezu Blütenexplosionen und Prosecco-Laune. Dabei ging es McFall nicht nur um virtuose Effekte, mit jedem Takt spürte man auch die Lust am Gestalten, an der Phrasierung, dem spritzigen Dialog zwischen den Orchestergruppen. Im langsamen Satz durften sich die Holzbläserstimmen über dem Fluss der Streicher ausbreiten, im Finale wurde man vom Wirbel der filigranen Figuren aus dem Saal über die Alpen nach Süditalien mitgerissen – Musik setzt sich über Reisebeschränkungen eben einfach hinweg. Ein toller Einstand für den sympathischen neuen SOV-Chefdirigenten, von dem man hoffentlich bald mehr hören darf!

Katharina von Glasenapp

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