Kultur

Im Schatten der Macht

19.04.2021 • 23:16 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sarah Viktoria Frick als Bolingbroke. <span class="copyright">BURGTHEATER/MARCELLA RUIZ CRUZ</span>
Sarah Viktoria Frick als Bolingbroke. BURGTHEATER/MARCELLA RUIZ CRUZ

Burgtheater in Bregenz: „Richard II.“ erhielt Beifall.

Die 100 Zuschauer, die in der riesig wirkenden Zuschauertribüne des Gro­ßen Saals im Festspielhaus verteilt wurden, gaben ihr Bestes, damit ihr Schlussapplaus nicht vom leeren Raum verschluckt wurde und das Ensemble auf der Bühne erreichte. Den Zuspruch des Publikums hat sich das Burgtheater-Team auch verdient: Die Vorpremiere von „Richard II.“ in der Regie von Johan Simons bringt das selten aufgeführte Shakespeare-Werk gekonnt auf die Bühne zurück. So wunderbar klingt die Übersetzung von Thomas Brasch, und so schnell gingen die gut zwei Stunden vorüber, in denen sich die Zuschauer hineinziehen ließen in das Drama um einen gestürzten König. Das Bühnenbild von Johannes Schütz erzeugte dafür starke Bilder und sorgte für einen schnellen Szenenwechsel.

“Lasst uns von Gräbern sprechen”

Frauen sollen in Simons’ Inszenierung stärker präsent sein, und so lag es an Königin Isabel, mit einem Vorgriff auf die Worte ihres Gemahls das Spiel zu eröffnen. „Lasst uns von Gräbern sprechen, Würmern, Grabinschriften“ – das passt für den Einstieg zu einer dieser „Schreckgeschichten vom Tod der Könige“, die Shakespeare behandelte. Stacyian Jackson erscheint denn auch als eine starke Partnerin des Königs und als ein Motor der Inszenierung.

Gottgesalbt

Die Spielfläche auf der Bühne ist eingesenkt, im Hintergrund ruhen die Darsteller auf stummen Dienern, für ihren Auftritt und Abgang müssen sie eine Stufe überwinden. In diesem Becken der Konflikte und Intrigen also sieht sich König Richard II. mit dem Zerfall seiner Herrschaft konfrontiert. Shakespeare konzentrierte sich in diesem Werk auf Richards Weg hin zur Ohnmacht, wodurch er die politische Frage der Legitimität eines gottgesalbten Königs behandelte. Ein aus einzelnen Modulen bestehendes Gerüst, das von den Schauspielern selbst umgebaut wird, ist Zeichen des Wandels der Verhältnisse. Der Schatten der Macht wiederum wird zeitweise durch das scharfe Scheinwerferlicht (Licht: Friedrich Rom) übermenschlich groß.

In den Spiegel blickend: Jan Bülow. <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;"><span class="copyright">BURGTHEATER/MARCELLA RUIZ CRUZ</span></span>
In den Spiegel blickend: Jan Bülow. BURGTHEATER/MARCELLA RUIZ CRUZ

Im Kampf um die Überhand wird untereinander auch mal animalisch geknurrt – und das ziemlich ausgiebig. Jan Bülow ist als König zu erleben, dessen Tage mit seiner ersten Handlung auf der Bühne angezählt sind. Als Richter in einem Prozess lässt er beide Parteien, sowohl Thomas Mowbray (Gunther Eckes) als auch Richards Cousin Heinrich Bolingbroke, verbannen. Letzterer nutzt die Gunst der Stunde und kehrt zurück, um sein unterschlagenes Erbe zurückzufordern.

“Nichts”

Das Machtgefälle verschiebt sich schnell, Richard und ein Großteil seiner Gefolgschaft fügen sich, die Absetzung ist unausweichlich. Bülow zeichnet den Prozess seiner Figur mit großer Sensibilität und in einem äußerst differenzierten Spiel nach. Je mehr er zum „Nichts“ wird, zu jener seiner Existenz beraubten Figur, die im Kerker erst durch diesen Verlust die Realität erkennt, umso mehr wird Sarah Viktoria Frick zu einem starken und souveränen Herrscher, der mit einer betonten Selbstverständlichkeit die Geschicke leitet. Frick gibt Bolingbroke hervorragend: Eindeutig, und doch alles andere als platt ist ihr Körperspiel, und eben auch mit dieser Selbstverständlichkeit sorgt die Schauspielerin – zusammen mit Bülow – für die wohl beste Performance des Ensembles. Mit den wenig witzigen Momenten des Stücks holt sie das Publikum ebenfalls auf ihre Seite. Doch auch die Besetzung im Gesamten stimmt gut überein, und mit den Nebendarstellern wie Martin Schwab (als Johann von Gaunt), Oliver Nägele und Sabine Haupt (als Herzogenpaar von York) erhält die Inszenierung die nötige Breite.

Das Gastspiel soll ein Auftakt sein für weitere Kooperationen zwischen den Bregenzer Festspielen und dem Burgtheater – hoffentlich können die zukünftigen Besuche von mehr Zuschauern erlebt werden.

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