Kultur

Der Köder ist ausgeworfen

24.04.2021 • 15:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Lorenz Helfer zeigt seine vielschichtigen Werke. <span class="copyright">Lisa Kammann</span>
Lorenz Helfer zeigt seine vielschichtigen Werke. Lisa Kammann

Lorenz Helfer zeigt Bilder einer produktiven Schaffensphase.

Für diese Ausstellung hat Lorenz Helfer wahrlich aus dem Vollen geschöpft: „Seit Bregenz“ heißt die Schau, in welcher der Künstler eine Auswahl jener Werke zeigt, die er seit seiner Rückkehr aus Wien in der Landeshauptstadt geschaffen hat. Und das sind viele – bereits beim Besuch der NEUE im Kosmos Atelier im Sommer 2020 berichtete Helfer von seiner produktiven Schaffensphase. Diese hielt offenbar noch weiter an. Rund 160 Bilder hat Helfer in gut einem Jahr gemalt, wie er bei einem Besuch in der „Galerie 9 und 20“ berichtet – so heißt nun die von Isabel Sandner geführte Galerie in der Bregenzer Kirchstraße 29. Mit diesen noch nie zuvor gezeigten Werken lassen sich auch gut die jüngsten Entwicklungen von Helfers Schaffen nachvollziehen. Denn in seiner Arbeit versucht der Bregenzer, stets neue Wege zu gehen.

Übermalen und verwischen

Am ersichtlichsten ist der Farbwechsel von dunkel zu hell, den der Besucher von Raum zu Raum verfolgen kann. Statt um Realismus und Detailtreue geht es Helfer um illusionistische Tiefe im Bild, wie er erklärt. Vieles geschehe aus Zufall innerhalb des mehrstufigen Malprozesses. Es ist ein Spiel aus Hinter- und Vordergrund, das sich aus den mehrmaligen Übermalungen und Verwischungen in einem Bild ergibt. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, Elemente aus den unteren Schichten treten an einzelnen Stellen hervor. Durch die starke Verdünnung der Ölfarbe entstehen auch Transparenzen, die den vielschichtigen Werken noch mehr Raffinesse verleihen. Auch Risse in der Farbe sorgen für besondere Effekte. Viel zu entdecken gibt es in jedem Bild.

Helfer erzählt mit seinen Bildern keine abgeschlossene Geschichte. <span class="copyright">Lisa Kammann</span>
Helfer erzählt mit seinen Bildern keine abgeschlossene Geschichte. Lisa Kammann

Helfer möchte dem Betrachter mit seinen Werken keine abgeschlossene Geschichte erzählen. Vieles wird nicht gezeigt, spielt sich außerhalb des Bildrahmens ab. Schön zu sehen ist das in dem Bild, das den Besucher im Eingangsbereich empfängt: Eine Frau sitzt an einem Tisch, eine nur teilweise abgebildete Figur berührt sie. Die Frau scheint auf etwas außerhalb des Rahmens zu zeigen. Helfer möchte den Betrachter mit seinen Bildern „ködern“, den Rest soll dieser interpretieren. Der angeblichen Deutungshoheit des Künstlers möchte er entgegensteuern, zum Inhalt der Werke sagt er wenig.

Intime Momente

Bewegung und Dynamik im Zusammenspiel menschlicher Körper sind für Helfer von zentraler Bedeutung. Arme und Beine bleiben die wichtigsten Teile des Körpers, das Gesicht ist höchstens angedeutet zu sehen. Die Dynamik, die in der Spannung zwischen den Figuren entsteht, ist im ersten Raum besonders gut zu sehen. Doch auch in den weiteren Ausstellungsräumen zeigen sich immer wieder Paare, intime Momente. Mal sind die Situationen seltsam, beinahe unheimlich, mal gibt es zärtliche Berührungen und Umarmungen. Helfers Humor blitzt ebenso in in den Motiven einiger seiner Werke durch.

Große und kleine Formate sind zu sehen. <span class="copyright">Lisa Kammann</span>
Große und kleine Formate sind zu sehen. Lisa Kammann

Spannend ist der Arbeitsprozess des Künstlers: Viele Bilder dreht Helfer nach einer Schicht auf die Rückseite und beachtet das Bild eine Zeit lang nicht, bis er es wieder hervorholt. Das Werk sieht er dann mit völlig neuen Augen: Was früher gefiel, gefällt ihm nun nicht mehr, und umgekehrt. Mit dem Verwischen oder Übermalen kann sich das gesamte Bild radikal ändern. Die Arbeit macht Helfer sichtlich Spaß, so sei es zum Beispiel unglaublich befreiend, sich nicht an die Regeln der Proportion zu halten. Und genau diese Elemente – ein zu großer Arm, eine unscharfe Bewegung, eine durchscheinende Schicht – verleihen den Werken eine Tiefe auch im emotionalen Sinn.

Helfer hat übrigens noch eine ganz neue Werkserie auf Lager, bei der er mit neuen Farben gearbeitet hat. Zu sehen sind diese im August in seinem Kosmos Atelier.

Zur Ausstellung

Lorenz Helfer. „Seit Bregenz“. Bis 7. Mai in der Galerie 9 und 20, Bregenz. Mi. bis Fr., 16 bis 19 Uhr, Sa., 11 bis 15 Uhr geöffnet. Am kommenden Samstag, den 1. Mai gibt Lorenz ­Helfer eine Führung durch die Schau. Zu empfehlen!