Kultur

Eine nur allzu bekannte Zukunft

21.05.2021 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Die Ungetrösteten" von Armin Wühle wurde im Rahmen des Kosmodroms uraufgeführt. <span class="copyright">Caro Stark</span>
"Die Ungetrösteten" von Armin Wühle wurde im Rahmen des Kosmodroms uraufgeführt. Caro Stark

Gelungene Uraufführung von „Die Ungetrösteten“ im Theater Kosmos.

Ein etwas älterer Herr, im Anzug mit Fliege gekleidet, tritt nervös ins blendende Licht. Exponiert steht er auf der Mitte der Bühne und beginnt mit der Präsentation seines Beitrags vor dem „Komitee“. Eindrücklich beschreibt er ein Video, in dem ein Mann zu sehen ist, der vor einer riesigen Tsunami-Welle steht. Er rennt nicht weg und versucht zu flüchten, sondern steht einfach still da, sich stumm seinem Schicksal ergebend. Ist dies das Stimmungsbild jener Generation, die im Jahr 2050 im selben Alter wie dieser Mann wäre? Der Autor Armin Wühle zeichnet in seinem Stück „Die Ungetrösteten“ eine Dystopie der nahen Zukunft, die bedrückend nahe an unserer Gegenwart liegt. Die Aussichten bleiben dabei düster, auch wenn Wühle eine witzige und rasante Entführungsgeschichte einbaut. Am Ende kämpft schließlich jeder für sich allein – und wer nicht zu den oberen 10.000 gehört, tut das vergebens.

Simon Alois Huber. <span class="copyright">Caro Stark</span>
Simon Alois Huber. Caro Stark

Es ist das zweite aus dem Kosmodrom-Wettbewerb mit dem Motto „Life in 2050“ hervorgegangene Werk eines jungen Dramatikers, das am Donnerstag im Theater Kosmos in Bregenz uraufgeführt wurde. Und es ist eine schöne Ergänzung zum Siegerstück „Supa Hell“, das bereits zu sehen war. Denn während wir dort in eine absurd-irreale Welt entführt wurden, geht es hier um unsere Realität, wenn auch etwas überhöht und verstärkt. An ein paar „Stellschrauben“ habe er schon noch gedreht und das Ganze etwas extremer gestaltet, wie der Autor im anschließenden Werkstattgespräch erklärte.

“Taskforce Fleisch und Milch”

Nacheinander treten die drei Figuren – wie in den TV-Serien wie „Die Höhle der Löwen“ – vor dem „Komitee“ an, in der Hoffnung, dass ihr Förderantrag für die Realisierung ihrer Ideen bewilligt wird. Der Zuschauer kann sich dabei schon denken, dass der erste Beitrag, die Beschreibung des Videos als Anreiz für eine „neue Art zu denken“, keine Chancen hat. Vielleicht klappt es ja bei Frau Seylan (Maria Strauss), die mit dem Projekt „Taskforce Fleisch und Milch“ durchstarten möchte. Oder beim jungen Herrn Paetzold (Simon Alois Huber), der „medizinische Ersatzprodukte“ als günstigen Snack vertreiben möchte.

Jens Ole Schmieder.<span class="copyright"> Caro Stark</span>
Jens Ole Schmieder. Caro Stark

Nein, alle Anträge wurden abgelehnt von dem „Komitee“, das in einem gläsernen Haus über der Stadt trohnt. Unten im Wirtshaus wiederum genehmigen sich die Verlierer ein paar Drinks, woraufhin die Sache außer Kontrolle gerät. Auch mit filmischen Szenen, die nahe des Theaters gedreht wurden, wird nun die folgende Actionkomödie erzählt: Frau Döllinger vom „Komitee“ (Helga Pedross) wird von Paetzold niedergeschlagen und vom Trio entführt. Nachdem die drei nicht wissen, wie es weitergehen soll, „befreit“ Paetzold Frau Döllinger, um sich selbst als Retter darzustellen und die anderen ans Messer zu liefern.

Arm und reich

Döllinger wirkt bei der Entführung zuerst sehr verletzlich, empört dann aber mit dem vielsagenden Satz „Auch ein armer Mensch kann moralisch sein“. Der Schluss des Stücks macht deutlich, dass die Lage für jene Menschen, die nicht zu den glücklichen Superreichen gehören, nicht besser wird. Die Schere von arm und reich wird nicht geschlossen werden, besonders wenn sich die Menschen nicht zusammenschließen, wie auch Wühle am Schluss anmerkt.

Entführungs-Krimi. <span class="copyright">Caro Stark</span>
Entführungs-Krimi. Caro Stark

„Die Ungetrösteten“ wühlt auf, weil wir diese Welt so gut wiedererkennen. Jeder weiß, dass er sich heutzutage gut präsentieren muss, und dass viele Menschen, die keine Privilegien genießen, gar nicht mehr die Chance haben aufzusteigen. Stephan Kasimir hat die Geschichte gut in Szene gesetzt, die Schauspieler sind sehr überzeugend. Caro Stark hat in ihrem Bühnenbild kurzerhand das bekannte Apfel-Logo in einer Birne ausgetauscht. Diese Dystopie liegt eben nahe an der Realität. Das Stück ist noch am Samstag zu sehen: www.theaterkosmos.at.