Kultur

Wo die Sprache aufhört, setzt Musik ein

24.05.2021 • 21:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Isabella Jeschke ist neben Thomas Kolle im ersten Teil zu erleben.<span class="copyright"> Roland Paulitsch</span>
Isabella Jeschke ist neben Thomas Kolle im ersten Teil zu erleben. Roland Paulitsch

Am Dienstag wird der erste Teil von “Lonely Ballads” uraufgeführt.

Diesmal gibt es kein Gegenüber, keinen Dialogpartner – niemand, der antwortet. Nur die Musik bildet einen Echoraum in dieser Arena der Einsamkeit, in welche die Darsteller des aktionstheater ensembles nacheinander hineingeworfen werden. Das Thema begleitet Martin Gruber und das Ensemble schon seit Längerem, hier wird es noch einmal mehr verdichtet und zugespitzt. Mit der Musik, einem zentralen Akteur in der zweiteiligen Produktion „Lonely Ballads“, kommt das zum Ausdruck, was durch Worte nicht zu beschreiben ist. „Lonely Ballads: Eins“ wird am Dienstag am Spielboden Dornbirn uraufgeführt. „Lonely Ballads: Zwei“ wird erstmals am 1. Juni im Rahmen des Bregenzer Frühlings zu sehen sein.

Martin Gruber.<span class="copyright"> Apollonia Theresa Bitzan</span>
Martin Gruber. Apollonia Theresa Bitzan

Die Musik gehört von Beginn an zum aktionstheater ensemble dazu, wie Gruber im Gespräch sagt. Die Idee, eine Auswahl an den sich in den vergangenen 30 Jahren angesammelten Liedern als Album aufzunehmen, habe es schon länger gegeben. Im vergangenen Jahr schien die Zeit dafür gekommen zu sein: Zehn Songs wurden neu arrangiert und im Studio mit einer neuen Besetzung eingespielt. „Lonely Ballads – reduced songs to step back“ ist bereits als LP, CD und Download erhältlich. Für den Theater-Zweiteiler wurden dann die Songs noch einmal zerlegt, so Gruber. Was zu erleben sei, sei nicht nur eine Abfolge von Musik und Text, sondern eine ganzheitliche Komposition, die innerhalb von drei Monaten erprobt wurde.

Einsamkeit

Dass sich mit der Corona-Pandemie die Einsamkeit vieler noch verstärkt hat, davon ist Gruber überzeugt. Was geschieht mit den Menschen, wenn sie völlig auf sich selbst zurückgeworfen sind? Für den Ensemble-Leiter könne diese Frage auch positiv beantwortet werden. So sei diese „erzwungene Innenschau“ auch eine Möglichkeit der Reflexion und des Innehaltens. Auf mehreren Ebenen soll diese Thematik nun aufgeblättert werden. Private und persönliche Elemente des während der Proben „kreierten Ichs“ spielen ebenso eine Rolle wie gesellschaftliche und politische Aspekte. Wie verhalte ich mich zur Gesellschaft, zu den anderen? Dies sei ein zentraler Punkt, meint Gruber. Wann ist unser Selbstmitleid gerechtfertigt, und wann ist es nur noch narzisstische Eitelkeit? „Es geht um Verhältnismäßigkeit“, sagt der Regisseur.

Ohne Selbstbestätigung: Thomas Kolle. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Ohne Selbstbestätigung: Thomas Kolle. Roland Paulitsch

Im ersten Teil sind es Isabella Jeschke und Thomas Kolle, die sich in diesem Spannungsfeld bewegen. Jeschke etwa stellt sich die Frage, ob sie in der Gesellschaft gebraucht werde. Was unsere Arbeit für die Gemeinschaft wert ist, würden sich bei Weitem nicht nur Schauspieler fragen, wie Gruber anmerkt. Dem von Kolle verkörperten „kreierten Ich“ wiederum kommt die männliche Selbstbestätigung abhanden, als sich seine Freundin von ihm trennt. Vom gescheiterten Macho-Männerbild und patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft bis zu Femiziden reicht das thematische Spektrum. „Der Machismo sitzt tiefer, als man glaubt“, meint Gruber dazu.

Empathie

Was könnte nun helfen, wenn wir ständig nur um unser Selbst und unsere Begehrlichkeiten kreisen? Ein Patentrezept gebe es keines, doch ist Gruber überzeugt davon, dass Empathie eine wichtige Rolle für das Zusammenleben spielt. Zu versuchen, den anderen zu verstehen und zuzuhören – das stehe nicht im Widerspruch dazu, eine Haltung zu besitzen und sich danach zu „ver-halten“, sagt der Ensemble-Leiter.

Tickets für die Vorstellungen am Mittwoch und Donnerstag, 19.30 Uhr: www.spielboden.at.

Um über seinen eigenen Schatten springen zu können, um Veränderungen zu ermöglichen – und die brauche es –, sollten wir „loslassen, entkrampfen und innehalten“, meint Gruber. Die Kunst sei das richtige Instrument dafür, die Musik ohnehin. Nicht umsonst sei sie die „universale Sprache“, die das sagen kann, wo die Sprache allein versagt. Das werden uns Kristian Musser, Nadine Abado, Andreas Dauböck sowie Sänger der Gesangskapelle Hermann vor Augen führen.