Kultur

Sokolovs unerreichte Anschlagskunst

31.05.2021 • 19:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das erste Meisterkonzert nach der Corona-Pause. <span class="copyright">Udo Mittelberger</span>
Das erste Meisterkonzert nach der Corona-Pause. Udo Mittelberger

Pianist Grigory Sokolov gastierte in Bregenz: ein Ereignis.

Endlich wieder ein Solokonzert im Bregenzer Festspielhaus, immerhin mit 700 Zuhörern, auf Abstand verteilt in den Reihen: Grigory Sokolov, der Meisterpianist aus St. Petersburg, der vor fünf Jahren zuletzt in diesem Haus war und der mit der Bodenseeregion durch regelmäßige Konzerte sehr verbunden ist, gab sich für zwei Abende die Ehre. Vier Polonaisen von Frédéric Chopin und die Préludes op. 23 von Sergej Rachmaninow hatte er diesmal ausgewählt und Musikfreunde wissen, welche Konzentration, welche Fülle an Farben, welche Intensität sein Spiel auszeichnet – auch wenn der mittlerweile 71-Jährige mehr denn je aus einer anderen Welt zu uns zu sprechen scheint.

Der russische Meisterpianist im Festspielhaus. <span class="copyright">Udo Mittelberger</span>
Der russische Meisterpianist im Festspielhaus. Udo Mittelberger

Fast ganz abgedunkelt ist der Konzertsaal, der eiserne Vorhang ist dramatisch rotglühend beleuchtet, der schwarze Konzertflügel und der Pianist wirken wie ein Scherenschnitt: Nichts Äußeres soll den Künstler ablenken, umgekehrt kann man sich als Hörer in den Sog von Sokolovs Anschlagskunst hineinziehen lassen. Denn immer wieder ist es so, als würde der Pianist in seinem Spiel die Partitur eines ganzen Orchesters aufleuchten lassen, als sei jeder einzelne Finger mit einem anderen Instrument verbunden.

Meister der Zwischentöne

Frédéric Chopin, der Sohn einer Polin und eines Franzosen, der Polen in jungen Jahren verließ, um in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen, hatte sich in seinen Mazurkas und in den Polonaisen immer an die Nationaltänze seiner Heimat erinnert. Man sieht die Herren in Uniform und die Damen in ausladenden Kleidern vor sich, wie sie in prächtigen Salons über den Parkettboden schreiten: Der gemessene Dreiertakt gibt das rhythmisch strenge Maß, während die Ornamente und Figuren in der Oberstimme Poesie und Freiheit vermitteln. In seiner Interpretation von vier Polonaisen ist Sokolov einmal mehr ein Meister der Zwischentöne, der höchst differenzierten Dynamik innerhalb der Phrasen, der fein aufleuchtenden Akzente im Gewebe der Stimmen. Über dunklem Brodeln der Unterstimme werden Lichtstrahlen und helle Melodien hörbar, und wenn in der As-Dur-Polonaise op. 53 die gemeißelt scharfen Ostinatofiguren anrollen, spannt sich darüber ein weiter Bogen jubilierender Klänge.

Riesentier

Wie Chopin war auch Sergej Rachmaninow als herausragender Pianist in eigener Sache unterwegs und gefeiert. Mit seinen insgesamt 24 Préludes in allen Tonarten des Quintenzirkels, die aber nicht in systematischer Reihenfolge aufscheinen, wollte er an Johann Sebastian Bach und Chopin anschließen. Sokolov hatte die 10 Préludes op. 23 für sein Konzert gewählt und präsentierte sie als einen Reigen höchst unterschiedlicher spätromantischer Charakterstücke. Wieder begeisterte die Anschlagsvielfalt im Miteinander der verschiedenen Register in Ober-, Mittel- und Unterstimmen: bald brausend und glitzernd, bald wunderbar verinnerlicht oder mit einer weit ausschwingenden Melodie berührend. Im bekannten g-Moll-Prélude (alla marcia) erglühte über dem unerbittlichen Rhythmus der linken Hand eine feuerzüngelnde Szenerie, in anderen Stücken verwandelte sich der Flügel unter Sokolovs Händen in ein schillerndes Riesentier oder sandte der Pianist zarteste Glockentöne in den Raum.

Klavierabende mit dem großen Pianisten waren und sind ein Ereignis. Die Menge der Zugaben beschränkte er diesmal auf drei und führte mit einer Chopin-Mazurka, einem Intermezzo von Brahms und dem gewichtigen, nur wenige Takte langen c-Moll-Prélude von Chopin nochmals in neue Welten seiner faszinierenden Kunst.

Katharina von Glasenapp