Kultur

Reise durch das Gewässer des Lebens

05.06.2021 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Sarah Barth bei der Performance im vorarlberg museum. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Sarah Barth bei der Performance im vorarlberg museum. Anja Köhler

„Ihr seid bereits eingeschifft“ von Silvia Costa wurde uraufgeführt.

Das Plätschern des Wassers, kreischende Vögel, Glockengeläut: In dieses Klanggewebe taucht der Zuschauer am Anfang dieser Reise durch das Gewässer des Lebens ein, das – wie wir alle wissen, aber nicht gerne vor Augen haben – unweigerlich im Tod mündet. Die italienische Künstlerin Silvia Costa lässt die Teilnehmer ihres vierteiligen Theaterprojekts durch verschiedene Welten wandern, die diese unabänderliche Abfolge von Leben und Sterben auf eine poetische und bildhafte Art und Weise behandeln. „Ihr seid bereits eingeschifft“, der von Blaise Pascal entnommene Titel dieser Arbeit, betont bereits, dass die Destination unserer Lebensreise von Beginn an feststeht.

Zeremoniell der Reinigung. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Zeremoniell der Reinigung. Anja Köhler

Während der römische Philosoph Lukrez in seinem Werk „De rerum natura“ über die Betrachtung des Meeres schrieb, ist es in Bregenz das Seepanorama, das sich vor uns, die wir am Ufer stehen, ausbreitet. Auch im Seestudio im Festspielhaus dringt der See mit seinem blassblauen Schimmer in den Raum. Im Inneren stehen vier Frauen im Talar beieinander, in der Hand ein Seil mit Weberknoten. Sie geleiten einen toten Jungen, der zuerst in einer Plastikfolie eingewickelt ist, an das andere Ende des Ufers. Es ist eine Zeremonie der Reinigung, die keine Worte braucht. Johannes Hämmerle spielt dazu ein Orgelwerk der Komponistin Kali Malone, das die Tiefe und feierliche Ruhe dieses Rituals bekräftigt.

Ödnis

Nun geht es auf zu den weiteren Stationen, die sich im Vorarlberger Landestheater, im vorarlberg museum und im KUB-Schaufenster befinden. In der Box im Landestheater hat Costa eine Art vergrößerten Miniatur-Zengarten installiert, der aber mehr an eine gottverlassene, düstere Ödnis erinnert als an meditative Schlichtheit. Denn hier schleppt sich der von Zeus verdammte Prometheus (Luzian Hirzel) durch das Nichts. Allein durch Soundboxen, die an einer Seilzug-Vorrichtung den Titan anketten, dringen Stimmen (Maria Lisa Huber, David Kopp und Nico Raschner), die Zeilen aus Aischylos’ „Der gefesselte Prometheus“ rezitieren. Unendlich scheint diese Tortur zu sein, die ständige Wiederholung der immerselben Qual lässt eine Erlösung herbeisehnen, während Pianoklänge durch den Raum donnern.

Luzian Hirzel als Prometheus. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Luzian Hirzel als Prometheus. Anja Köhler

Im Gegensatz zu Prometheus in der dunklen Box hat das rätselhafte Wesen (Sarah Barth), das im Panoramaraum des vorarlberg museums haust, einen wunderbaren Blick auf den See. Mit dem Finger verfolgt sie den Horizont, die Wirbelsäule und andere Knochen stechen durch den hautfarbenen Anzug hervor. Was ist das für ein Geschöpf, in welcher Zeit lebt es, wie ist es hierher gekommen? Auf diese Fragen gibt es keine Antworten, und auch das Wesen scheint sich selbst in den Scherben eines zerbrochenen Spiegels zu prüfen.

Drei Generationen

Neben diesen Stationen, die zu einer bestimmten Zeit zu besuchen sind, kann der Zuschauer dazwischen oder danach der Dauerperformance im KUB-Schaufenster im Posthof beiwohnen. Drei Frauen aus drei Generationen einer Familie malen zusammen ein Bild, als Vorlage dient eine Fotografie des Seepanoramas. Das ist nicht nur eine beruhigende, sondern auch eine tröstliche Szene. Denn selbst wenn ein Leben einmal endet, fängt doch immer ein neues an, das von den Älteren lernen kann. Kultur – das ist das, was von einer Generation zur nächsten getragen wird.

Überlassen

Mit wirkungsvollen Bildern, die uns aber wenig rational fassbare Informationen liefern, lässt uns Costa auch ein wenig uns selbst überlassen. Offenbar erfüllt sich dieses Werk erst im Inneren des Zuschauers, der – auf eine bestimmte Art und Weise berührt – seine eigene Schifffahrt des Lebens reflektieren kann.