Kultur

Melancholie auf dem Teppichboden

22.06.2021 • 20:08 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Tora Augestad und Michael von der Heide in "King Size".  <span class="copyright">Simon Hallström</span>
Tora Augestad und Michael von der Heide in "King Size". Simon Hallström

„King Size“ feiert am Landestheater Österreich-Premiere.

Man sah sie in Moskau, London, Jerusalem, Minsk, Kopenhagen, Marseille, Prag, und in einigen weiteren Orten – in Österreich war Christoph Marthalers Wanderproduktion „King Size“ bislang aber noch nicht zu sehen. Das wird sich am kommenden Samstag ändern, wenn das Werk des renommierten und vielfach ausgezeichneten Schweizer Theatermachers am Vorarlberger Landestheater gastiert. Intendantin Stephanie Gräve hat das Werk in ihrer Zeit als stellvertretende Intendantin des Theater Basel mitproduziert. Sie weiß einiges darüber im Vorfeld zu berichten und betont, dass dieses Stück besonders auch für Liebhaber der klassischen Musik und des Musiktheaters zu empfehlen sei. An drei Abenden wird „King Size“ in Bregenz zu sehen sein.

Christoph Marthaler. <span class="copyright">AP</span>
Christoph Marthaler. AP

Eigentlich serviert Marthaler seinem Publikum große kostspielige Produktionen, doch „King Size“, das 2013 am Theater Basel uraufgeführt wurde, sollte ein kompakteres Projekt werden, mit dem einige seiner Weggefährten auf Wanderschaft gehen können, wie Gräve die Idee des Stücks erklärt. Und so hat Bühnenbildner Duri Bischoff ein überaus blaues transportfähiges Hotelzimmer entworfen, in dem sich die Protagonisten begegnen – aber dann doch auch wieder nicht, wie die Intendantin meint.

Nebeneinander leben

Hotelzimmer gelten als merkwürdiger Zwischen-Ort, an dem sich Menschen flüchtig treffen oder alleine für kurze Zeit verweilen, bis der nächste Gast das Zimmer als Zwischenstation nutzt. Abgesondert von der Außenwelt sind sie Verlorene, Entwurzelte, Gestrandete. Was bleibt am Ort selbst hängen von den Besuchern auf Zeit, die sich, auf dem typischen Hotel-Teppichboden stehend, die Klinke in die Hand geben? Passend für die finale Pandemie-Phase, meint Gräve, geht es hier um Einsamkeit, um das nebeneinander Leben. Marthaler sei ein Meister, wenn es darum gehe, die kleinen Absurditäten des Alltags auf der Bühne entstehen zu lassen.

Nikola Weisse. <span class="copyright">Simon Hallström</span>
Nikola Weisse. Simon Hallström

Die Musik ist ein zentrales Ausdrucksmittel in den Werken Marthalers, der selbst musiziert und auch Opern inszeniert. Bekannt wurde er durch seine ganz eigene Theatersprache, die Musiktheater und Schauspiel verbindet. Die beiden Protagonisten, die in dem „King Size“-Hotelbett allzu verloren wirken, sind denn auch hauptberufliche Sänger: Tora Augestad ist eine hochkarätige Sängerin in den Bereichen, Klassik, Neue Musik, Oper und Jazz, und Michael von der Heide ist als Schlagersänger und Chansonnier erfolgreich, wie Gräve anmerkt. Schauspielerin Nikola Weisse übernimmt die Sprechpassagen, auch der musikalische Leiter Bendix Dethleffsen, der mehrere Tasteninstrumente mitnimmt, wird auf der Bühne stehen. Die Lieder, die hier zum Besten gegeben werden, reichen von klassischen Werken wie Schumann-Liedern über Alban Berg bis zu Popnummern wie solchen von den Jackson Five oder The Kinks.

Realität und Traum

Realität, Imagination und Traum würden sich in dieser Inszenierung verschieben, erklärt Gräve. Melancholie ist die Grundstimmung, die gelegentlich eine feine Komik erzeugt. Eine auserzählte Handlung gibt es nicht. Doch diese sieht die Intendantin ohnehin nicht als zwingendes Element des Theaters an: „Ein logischer, mit Worten nacherzählbarer Inhalt wird zum Beispiel auch nicht von bildenden Künstlern verlangt. Ich denke, auch am Theater soll diese künstlerische Autonomie eingefordert werden“, sagt Gräve, die dabei an Silvia Costas wirkungsreiches „Ihr seid bereits eingeschifft“ erinnert. Vermittelt werde hier viel über die Musik, und das sehr effektiv: So würden Gräve bei der Darbietung von Schumanns Lied „Seit ich ihn gesehen“ jedes Mal die Tränen kommen, gibt sie zu.

Zum Stück

„King Size“ von Christoph Martha­ler. Samstag, 26. Juni, 27. und 28. Juni, jeweils um 20 Uhr im Großen Haus des Landestheaters. Infos und Tickets: www.landestheater.org. Weitere Termine im Herbst.