Kultur

Alles, was zurückkommt, ist Musik

26.06.2021 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mit jeder Faser angespannt: Thomas Kolle. <span class="copyright">Gerhard Breitwieser</span>
Mit jeder Faser angespannt: Thomas Kolle. Gerhard Breitwieser

Starke Vorarlberg-Premiere von „Lonely Ballads: Zwei“.

Dass der Zuschauer sich wahrhaftig ergriffen fühlt von einem Schlagerlied, nachdem er einen Monolog über Straßenbahnhaltestellen verfolgen durfte – das schaffen nur das aktionstheater ensemble und seine musikalischen Begleiter. Manches aus der Produktion „Lonely Ballads: Zwei“, das am Donnerstagabend im Theater Kosmos in Bregenz Vorarlberg-Premiere feierte, kennen die aktionstheater-Freunde aus frühreren Stücken: Darsteller, die ihre Figuren bis über die Schmerz- und Peinlichkeitsgrenze hinaus vorführen, intensiv verdichtete Emotionen, das allgemein Menschliche im individuellen Leid greifbar gemacht. In dem von Martin Gruber inszenierten Zweiteiler aber bestimmt die Musik mehr als sonst den Abend und wird als eigenständiger Akteur sichtbar. Auch die Schauspieler haben einen neuen Part, wenn sie in dieser Arena der Einsamkeit ihre Themen durcharbeiten, ohne dass ihnen ein anderer als Spiegel dienen könnte.

“Küchen-Nazi”

Da die Uraufführung von Teil eins am Spielboden durch einen Verdachtsfall abgesagt werden musste, fand die erste Premiere in Wien statt, wo die Stücke in einem Doppelabend gezeigt wurden. In Bregenz war nun zuerst der zweite Teil zu sehen, und zwar mit einem kleinen Bonus: Aus Teil eins kam Thomas Kolle dazu, der auch gleich den Anfang machte. Sowohl mental als auch körperlich mit jeder Faser angespannt, rastlos, voller Wut und Verzweiflung redet sich Kolle in Rage. Der Anlass: Die Trennung von seiner Freundin Bettina. Doch sie wollte ohnehin nicht von ihm lernen. Am Schlimms­ten für den Feinschmecker waren Bettinas Kochgewohnheiten. Als „Küchen-Nazi“ aus ebendieser verbannt, konnte Kolle noch vom Wohnzimmer aus hören, wie das Gemüse viel zu früh ins Öl geschmissen wurde. Ist Gleichberechtigung möglich, wenn alte Rollenbilder unüberwindbar erscheinen? Das ist eine Frage, die hier durchklingt.

In der Arena der Einsamkeit. <span class="copyright">Gerhard Breitwieser</span>
In der Arena der Einsamkeit. Gerhard Breitwieser

Kolles wütende Faustschläge greifen ins Leere, hier ist niemand, der antwortet. Die Musik – ausgewählte Balladen, die auch auf dem Album zu finden sind – erscheint einerseits als ein verstärkender Ausdruck dieser extremen Gefühle, vermag aber trotz ihrer Schwere auch ein wenig zu trösten. Nadine Abado, Andreas Dauböck mit tollen Drums, Kristian Musser sowie Simon Scharinger, Simon Gramberger und Joachim Rigler von der Gesangskapelle Hermann sind hinter einer transparenten Folie abgeschirmt (Bühne: Valerie Lutz), werden immer wieder angespielt – zurück kommt allein Musik.

Bestätigung

Auch Tamara Stern antwortet niemand, doch sie meint ohnehin, allein gut zurechtzukommen. Als Deutsche hat sie keinen leichten Stand in Wien, als Jüdin wurde sie in Deutschland angefeindet, in Israel hat sie wiederum als Deutsche Schwierigkeiten. Schon vor Corona hatte Stern mit zahlreichen Neurosen zu kämpfen, nun verschafft ihr die größere körperliche Distanz zu anderen ein wenig Erleichterung. Trotz ihres Weltekels sehnt sich Stern als Darstellerin nach Bestätigung.

Tamara Stern. <span class="copyright">Gerhard Breitwieser</span>
Tamara Stern. Gerhard Breitwieser

Benjamin Vanyek kommt uns in diesem Stück noch ein wenig näher. Auch er denkt, alleine gut leben zu können, doch ruft er gleichzeitig nach Besuch: „Kommt doch! Kommt einmal!“ Das ist herzzerreißend. Stolz sein kann er darauf, dass er sämtliche Öffi-Haltestellen von Wien schon als Kind auswendig konnte. Sein Tun will er gewürdigt wissen, er versteht nicht, warum seine Apfelbaumbilder keinen hohen Wert erzielen. Vanyeks Auftritt ist ein emotionaler Höhepunkt dieses Abends, nicht zuletzt durch die neue Version von Vicky Leandros’ „Ich liebe das Leben“. Schnäuz!

Benjamin Vanyek. <span class="copyright">Gerhard Breitwieser</span>
Benjamin Vanyek. Gerhard Breitwieser

Große, extreme Gesten, und die sehr schön neu aufgenommenen Songs machen diesen Abend zu einem intensiven aktionstheater-Erlebnis. Im Herbst werden beide Teile zu sehen sein.