Kultur

Fahrt durch den Lieder-Strom

28.06.2021 • 20:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Michael von der Heide und Nikola Weisse. <span class="copyright">Simon Hallström</span>
Michael von der Heide und Nikola Weisse. Simon Hallström

„King Size“: Liederabend mit guten Sängern und absurden Momenten.

Worte braucht es wenige, um dieses Spiel zu spielen: Ein Medley-artiger Liederabend, der eher auf der ruhigeren Seite angelegt ist, zeigt der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler mit seiner Wanderproduktion „King Size“, die am Wochenende am Vorarl­berger Landestheater und damit erstmals in Österreich Halt gemacht hat. Die Figuren, die in diesem Stück durch ein farblich umwerfendes Hotelzimmer geistern, liefern dem Publikum entweder schön einstudierte Songs, oder bereichern das Spiel mit knappen Sprechparts und absurden Handlungen. Wer diese Figuren sind, die mehr unbewusst nebeneinander agieren als bewusst gemeinsam, bleibt rätselhaft. Sind es etwa Geister, die im Hotel quasi hängengeblieben sind, mit ihren Gefühlen der Einsamkeit, der flüchtigen Freude, der Liebe und Sehnsucht?

Tagesrhythmus

Wie in einem ruhigen Fluss mit gelegentlichen Stromschnellen plätschert der musikalische Teppich dahin, der nur selten unterbrochen wird. Der Tagesrhythmus von Tag und Nacht ist ersichtlich, etwa wenn der Kanon „Wachet auf, es krähte der Hahn“ erklingt: ein schöner Beginn. Im Zentrum steht das Duo mit der Sängerin Tora Augestad und dem Chansonnier Michael von der Heide, die im „King Size“-Bett liegen, tanzen, sich durch den Raum bewegen. Das Bad wird geräuschintensiv genutzt, auch die Minibar, die viel zu hoch im Schrank liegt. Bendix Dethleffsen, der für die Musik verantwortlich zeichnet, steht wiederholt vom Piano auf, um sich am Spiel zu beteiligen, setzt ans Publikum gerichtet zur Rede an – um sich dann wortlos wieder zu setzen.

Wie geht das nochmal mit dem Notenständer? <span class="copyright">Simon Hallström</span>
Wie geht das nochmal mit dem Notenständer? Simon Hallström

Nicht nur diese das Stück-Konzept kommentierenden Einlagen sorgen für Erheiterung. Die Choreografie einiger Songs ist ziemlich witzig, Augestad singt auch schon mal unter dem Bett hervor, oder die Musiker stehen plötzlich im Kleiderschrank. Nicht zuletzt durch Schauspielerin Nikola Weisse häufen sich die Absurditäten, etwa wenn sie Nudeln aus ihrer Tasche isst, oder mit dem Aufbau ihres Notenständers ihre Mühe hat. Dass Weisse wiederholt in der immergleichen Spur durch die Szene wandelt, deutet an, dass es sich bei diesem Arrangement nicht um eine gewöhnliche Reisegruppe handelt, die das Zimmer gemietet hat. Ihre kurzen Textpassagen bieten leichte, doch verrätselte philosophische Gedanken über die Zeit oder das Denken.

Im Hotelzimmer. <span class="copyright">Simon Hallström</span>
Im Hotelzimmer. Simon Hallström

Die musikalische Bandbreite der kreativ kombinierten Songs ist groß, und so manches Lied wird lediglich angedeutet, oder in diesem Klang-Strom nicht bewusst wahrgenommen. Das tut dem aber keinen Schaden, denn Highlights gibt es genug, seien es witzige („Tout Pour Ma Cherie“), emotionale („I’ll be there“) oder stimmliche Höhepunkte mit einem traurigen Anstrich, als Augestad Alban Bergs „Dem Schmerz sein Recht“ anklingen lässt. Die Musiker unterhalten mit Gesang und Tanz, und lassen die Zuschauer eine Reise der Gefühle unternehmen.

Sympathische Geister

Die absurden Elemente sorgen hingegen dafür, dass dieser Abend mehr an Tiefe und Humor gewinnt. Die sympathischen „Geister“ in dem Hotelzimmer bleiben dem Publikum jedenfalls in bester Erinnerung.