Kultur

Das Private im öffentlichen Kunst-Raum

30.06.2021 • 09:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Maruša Sagadins Werke im Bildraum Bodensee.<span class="copyright"> Petra Rainer</span>
Maruša Sagadins Werke im Bildraum Bodensee. Petra Rainer

Bunte Skulpturen sind ein ein zentraler Teil von Maruša Sagadins Arbeit.

Der Bildraum Bregenz ist zur Zeit mit poppigen Skulpturen befüllt. Während der Besucher die bunten dreidimensionalen Objekte betrachtet, hört er aus dem Videoraum leichte Club-Klänge. Seeseitig finden sich Bilder an der Wand, sogenannte Flachware, die die 1978 in Ljubljana in Slowenien geborene und in Wien lebende Künstlerin Maruša Sagadin normalerweise nicht anstrebt. Auf buntem Grund finden sich rätselhafte Ornamente, die an weibliche Geschlechtsorgane erinnern. Im Hauptraum steht ziemlich zentral ein Werk, das sich „Maricka“, zu Deutsch „schnelle Beine“, nennt.

Im stadtseitigen Raum. <span class="copyright">Petra Rainer</span>
Im stadtseitigen Raum. Petra Rainer

Die Sitzbank, die nicht an Franz West erinnern soll, sondern lieber an die großen Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts, hat zwei seltsame Träger, die wie zusammengedrückte Brüste oder eben wie schnelle Beine aussehen. Sagadin setzt damit ihrer Cousine ein Denkmal, die als Marathonläuferin über schnelle Beine verfügt. Auch im stadtseitigen Raum findet sich eine direkte Anspielung auf die Verwandtschaft der Bildhauerin, nämlich die Arbeit „Mit Händen und Füßen sprechen“. Mit ineinander verschränkten Skulpturteilen spielt sie auf die Gehörlosigkeit ihrer Tante an, die eben nur mit Händen und Füßen sprechen kann.

Regeln brechen

Sagadin ist es wichtig, bewusst gegen Konventionen zu verstoßen. Normen sind für sie nur einschränkend, Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Es ist ein Grund­impetus ihrer Arbeit, die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen der Gesellschaft infrage zu stellen. Die binäre Kodierung in männlich (öffentlich-sichtbar) im Gegensatz zu weiblich (privat-unsichtbar) möchte sie in ihrer Arbeit bewusst anzweifeln. Deswegen verwendet sie etwa Beton, der ein Baustein für den Außenraum ist, gerade extra für ihre Innenskulpturen.

Bis 9. September läuft die Schau. <span class="copyright">Petra Rainer</span>
Bis 9. September läuft die Schau. Petra Rainer

Die Künstlerin trägt ihre unsichtbaren, privaten Verletzungen kompromisslos in den sichtbaren, öffentlichen (Kunst-)Raum: Es macht ihr zu schaffen, dass sie mit ihrer Körpergröße von 1,86 Metern oft nicht eindeutig als weiblich wahrgenommen wird. Deswegen hat eine Skulpturengruppe genau die Größe ihres Körpers, deswegen kann sie schon mal bei einer Performance zwanzig Zentimeter hohe Absätze tragen, um die Zuschreibung schmerzhaft ad absurdum zu führen. Das Private verschmilzt völlig mit der Kunst, einem potenziell öffentlichen Raum. Wird dadurch der Traum vom Leben als Kunstwerk verwirklicht, oder der Schutz der eigenen Intimität vor den grausamen Zuschreibungen einer nach Persönlichem gierenden Instagram-Welt aufgegeben?

Bis 9. September im Bildraum Bodensee. Di. und Do., 13 bis 18 Uhr, Fr. und Sa., 11 bis 16 Uhr geöffnet.

Die freie Kuratorin Karin Pernegger hat zu den Arbeiten von Sagadin einen Text in Arbeit, der den Auflösungssog der theoretischen Standpunkte der Gegenwart zum Gegenstand hat. Nur eine feministische, transhumane Sicht auf den Menschen könne diesem Sog irgendwie widerstehen. Juliana Lindenhofer, eine Kollegin von Sagadin, hat im Video-Bildraum mit Rave-Klängen eine Club-Atmosphäre evoziert, die in dunklen Tonkaskaden an den tragischen Selbstmord einer jungen Frau mit Psychose erinnert.

Wolfgang Ölz