Kultur

Roman Signers Spiel mit dem Wasser

01.07.2021 • 21:20 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Eine Wasserfontäne ragt über die kleine Brücke am Bielbach. <span class="copyright">Roman Signer/Kunsthaus Bregenz<span class="copyright"></span>/ illwerke vkw AG</span>
Eine Wasserfontäne ragt über die kleine Brücke am Bielbach. Roman Signer/Kunsthaus Bregenz/ illwerke vkw AG

Der Künstler hat eine Fontäne auf der Bielerhöhe errichtet.

Ganze Bücher könnten gefüllt werden mit den humorvollen und teilweise recht wagemutigen Aktionen, die der 83-jährige Roman Signer im Laufe seines Künstlerlebens realisiert hat. Für eine abschließende Retrospektive ist es aber noch zu früh, denn der legendäre Schweizer Künstler ist noch nicht in den Ruhestand getreten. In einer Zusammenarbeit des Kunsthauses Bregenz mit der illwerke vkw AG hat Signer eine Installation am Bielbach auf der Bielerhöhe realisiert. Zu diesem Anlass wurde am Donnerstag zum Pressetermin auf rund 2000 Höhenmetern geladen, um die Skulptur, die eigentlich mehr ist als eine Skulptur, zu besichtigen und zu erleben.

Roman Signer. <span class="copyright">Kunsthaus Bregenz</span>
Roman Signer. Kunsthaus Bregenz

Signer versteht sich zwar als Bildhauer, seinen dreidimensionalen Objekten fügt er aber noch zwei weitere Faktoren hinzu: Zeit und Energie. Seine Skulpturen sind damit immer auch Ereignisse – und diese haben meist eine Pointe, wie KUB-Direktor Thomas D. Trummer anmerkte. Mit seinen explosiven Werken erreichte der Künstler große Bekanntheit, das Wasser zählt ebenfalls zu seinen beliebten Materialien. Wasser und Energie stehen beim Silvretta-Stausee naturgemäß in einer engen Beziehung – und diese Verbindung macht sich auch Signer zunutze. Seit rund vier Jahren wurde immer wieder an dem Projekt gefeilt und nach mehreren Ideen und Verwerfungen entschied sich der Künstler dazu, die Installation am Bielbach, am Rundweg um den Stausee gelegen, zu entwickeln.

Spürbare Kraft

Das Wasser des Bielbachs fließt von Tirol nach Vorarlberg und landet in einem Katarakt im Stausee. Das Wasser strömt mit einem Druck von sechs Bar unter einer Brücke hindurch – ungefähr mit demselben Druck wie bei einem Feuerwehrhydranten, erklärt Signer. Er hat nun 60 Meter weiter stromaufwärts, wo sich eine Wanne befindet, einen Feuerwehrschlauch angezapft, der einen Teil des Wassers ableitet, und am anderen Ende nahe der Brücke in einer halbrunden Fontäne wieder auslässt – ebenfalls mit sechs Bar. Der Wasserfall erzeugt auch ohne die Installation einen feinen Sprühregen, nun ist der Weg über die Brücke noch erfrischender. Die Kraft, die in der Fortbewegung dieses Elements liegt, wird spürbar.

Roman Signer und seine Installation. <span class="copyright">ROMAN SIGNER/KUNSTHAUS BREGENZ/ ILLWERKE VKW AG</span>
Roman Signer und seine Installation. ROMAN SIGNER/KUNSTHAUS BREGENZ/ ILLWERKE VKW AG

Auch der Wind spielt mit in diesem Spiel: je nach Windstärke und -richtung ändert sich der Verlauf des Strahls. Doch der fluide Wasserstrahl erhält auch den Anschein eines statischen Charakters, wenn er als architektonisches Element permanent über der Brücke sich manifestiert: das Wasser wird zur Skulptur.

Einfach

So simpel die Konstruktion auch sein mag, der Gang unter dem Wasserstrahl hindurch ist ein Erlebnis, die Skulptur ein Ereignis. Signer erzählt dazu eine Anekdote: Im Gespräch mit einem Philosophen sprach er einmal davon, ein „kleines Ereignis“ erzeugt zu haben. Der Philosoph erwiderte, es gebe keine kleinen Ereignisse, denn ein Ereignis sei per se immer groß. Einfachheit ist überhaupt ein Erfolgsrezept Signers. „Einfach, sachlich, wenig Mittel – in dieser Hinsicht bin ich Minimalist“, sagt der Künstler verschmitzt. Auch die Pointe müsse „einfach und elementar“ sein, und so sind auch seine Werke für jeden Betrachter erfassbar. Den Witz in Signers Kunst versteht jeder.

Spielerisch

Die Faszination am Element Wasser begleitet Signer sein Leben lang. Als Kind wuchs er in Appenzell neben einem Fluss auf, wo er sehr gerne spielte, erzählt er. Diese frühen Kindheitserlebnisse, die Freude am Spielen und Experimentieren prägen den Künstler bis heute. „Ohne meine Kindheitserlebnisse würde ich als Künstler nicht existieren“, sagt er. Dass diese spielerische Experimentierlust über die Jahre nicht verlorengegangen ist, ist bewundernswert.

Die Installation am Bielbach

Die Installation ist dauerhaft zu sehen, im Novermber wird sie aber aus Sicherheitsgründen über den Winter abmontiert. Das Eröffnungswochenende startet am morgigen Samstag mit einem Künstlergespräch um 11 Uhr (Anmeldung: b.straub@kunsthaus-bregenz.at). Es gibt einen Busshuttle ab dem Parkplatz Restaurant Silvrettasee. Am Samstag und Sonntag gibt es Kurzführungen, jeweils um 9, 10, 11, 14 und 15 Uhr. Treffpunkt bei der Installation.

Vor langer Zeit wurde Signer einmal gesagt, er solle mal raus aus seinen Kinderschuhen. Zum Glück hat er das nie befolgt, sonst hätte er sich im Jahr 2000 nicht im Kajak über Schotterstraßen ziehen lassen, oder er hätte Ende der 1980er-Jahre keine über 20 Kilometer lange Zündschnur von Appenzell nach St. Gallen verlegt – und er hätte 1993 mit Sicherheit keine 48 mit Wasser gefüllte Kisten auf einer historischen Treppe in Graz sprengen lassen. Letztere Aktion hätte eine ordentliche Wucht entfaltet, erzählt Signer: „Zum Glück haben die Ladenbesitzer am Fuß der Treppe Sandsäcke aufgelegt.“ Zu körperlichem Schaden kam bei diesen kinetischen Kunstwerken nur er selbst gelegentlich, obwohl einem Zuschauer in der ersten Reihe einmal der Schnurrbart versengt ist. Das kann auf der Bielerhöhle aber nicht passieren.

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