Kultur

Versehrtheit durch das Leben

01.07.2021 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Lois Anvidalfarei in der Johanniterkirche Feldkirch. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Lois Anvidalfarei in der Johanniterkirche Feldkirch. Roland Paulitsch

Starke Schau des Bildhauers Lois Anvidalfarei in der Johanniterkirche.

Schon vor dem Eintritt in die Johanniterkirche erlebt der Besucher des Feldkircher Kunstraums die Schwere und Tiefe der künstlerischen Arbeit des Südtiroler Bildhauers Lois Anvidalfarei (geboren 1962). Denn zuerst muss die „Stange der Conditio Humana“, die direkt vor dem Eingang platziert ist, überwunden werden, um in die Kirche zu gelangen. „Wenn jemand hereinkommt, dann kommt er bewusst rein“, sagt Anvidalfarei dazu im Gespräch. An einem Gerüst aufgehängt sieht der Besucher Körperteile aus Bronze: Der Mensch, nach der Schlachtung – etwa im Krieg, während der Flucht oder getötet von Seuchen – wie ein Tier zum Ausbluten aufgehängt.

Skulptur "Conditio Humana II" vor dem Altar.<span class="copyright">  Roland Paulitsch</span>
Skulptur "Conditio Humana II" vor dem Altar. Roland Paulitsch

Schon immer konzentrierte sich Anvidalfarei in seiner Arbeit auf den menschlichen Körper, ihre Formen bilden seine „Sprache“, wie er sagt. Der in seinem Geburtsort Abtei lebende Bildhauer nimmt dafür als Vorlage immer ein Modell. Manchmals spielt ihm dabei der Zufall in die Hände, wie etwa bei der Entstehung jenes Werks, das im offenen Graben im Mittelschiff platziert ist: Das weibliche Modell streckte sich einmal durch, erzählt der Künstler, der im Anschluss die gekrümmte Form ihres dünnen Körpers übernahm. Eine Frau liegt nun auf einer Art Altar, vor ihr kniend ein Mann, mit gesenktem Oberkörper. Zu diesem Werk wollte Anvidalfarei auf Nachfrage nicht viel preisgeben: Die Betrachter sollten ihre eignen Emotionen und Gedanken in sein Werk einfließen lassen, so der Südtiroler. Der Schmerz und die Trauer, die über diesen Figuren liegt, ist in jedem Fall spürbar.

Menschlich und göttlich

„Einmalig“ sind die Räumlichkeiten der Johanniterkirche für den Bildhauer, der schon an einigen speziellen Orten – auch bereits in Vorarlberg – seine Werke gezeigt hat. Anvidalfarei nimmt wie viele Künstler Bezug auf die Kirche: Vor dem barocken Altar, in dem noch das Kreuz Jesu Christi eingebettet ist, hat der Künstler selbst ein Kreuz errichtet. In einem Baugerüst platziert sind zwei Körper aus Bronze, eine Frau und ein Mann. Die „Conditio Humana II“ hat Anvidalfarei also als Gegensatz unter der „Conditio Divina“, wie er sagt, installiert. Das Baugerüst, mit dem er etwa seit zehn Jahren arbeitet, steht hier für das vom Menschen gemachte Gesellschaftssystem, in dem er selbst eingezwängt zu sein scheint. Es ist dies aber nicht nur ein Gefängnis, sondern auch ein Schutz, eine Überlebenshilfe für den Menschen, wie der Künstler anmerkt. Mann und Frau wiederum liegen mit ihrem Gesicht in der jeweils entgegengesetzten Richtung, sie kommen trotz ihrer gegenseitigen Anziehungskraft nicht wirklich zusammen.

Lois Anvidalfarei. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Lois Anvidalfarei. Roland Paulitsch

Die „Conditio Humana“ in Anvidalfareis Skulpturen, sie ist geprägt von Schmerz und Leid, wie auch der latenische Ausstellungstitel „passus“ („gelitten“) verdeutlicht. Der Körper ist gezeichnet, verletzt, abhängig von den Lebensbedingungen und der Vergänglichkeit. Der Mensch ist aber offenbar auch selbst Verursacher von Leid, er stiftet Kriege an, vernichtet sich selbst. Ob und inwiefern sich dieses Leid verringern lässt, diese Frage obliegt wieder dem Betrachter.

Spuren

Die Schwere und Dunkelheit der Bronze, in klassischer Bildhauermanier verarbeitet, trägt zu zu dieser Thematik bei. Die Risse und Löcher auf der Oberfläche sind Spuren des Arbeitsprozesses, die nicht abgeschliffen wurden, erklärt der Künstler. Sie könnten aber auch genauso gut bewusst den Inhalt des Werks visualisieren – als Versehrtheit der menschlichen Existenz. Eine starke Ausstellung, die grundlegende Gefühle und Gedanken zum Dasein erweckt – und wunderbar in die Johanniterkirche passt.

Lois Anvidalfarei. „Passus“. Bis 30. Juli in der Johanniterkirche Feldkirch. Di. bis Fr., 10 bis 12 Uhr und 15 bis 18 Uhr, Sa., 10 bis 14 Uhr geöffnet.

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