Kultur

Gelungenes erstes Literaricum Lech

12.07.2021 • 20:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bei schönem Wetter und vor ebenso schöner Kulisse sprach Raoul Schrott am Samstag über das Gilgamesch-Epos. <span class="copyright">Literaricum Lech/Christoph Schöch</span>
Bei schönem Wetter und vor ebenso schöner Kulisse sprach Raoul Schrott am Samstag über das Gilgamesch-Epos. Literaricum Lech/Christoph Schöch

Literaturfest mit multiperspektivischem Blick auf Weltliteratur.

Gar nicht elitär und abgehoben! „Simplicius Simplicissimus“, der älteste Bestseller in deutscher Sprache von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, ist der erste Klassiker der Weltliteratur, dem sich das mehrtägige Literaricum in Lech widmet. Das Konzept sieht jedes Jahr ein Werk vor, das „den gnadenlosesten Kritiker“, nämlich die Zeit, überstanden hat und ewige Werte vermitteln kann. Die aus dem schweizerischen Radio und Fernsehen bekannte Kulturjournalistin Nicola Steiner hat Organisation und Programmleitung übernommen, die Idee zum Literaturfest in Lech stammt von Michael Köhlmeier und dem ebenso bedeutenden österreichischen Literaten und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott.

Raoul Schrott. <span class="copyright">LITERARICUM LECH/CHRISTOPH SCHÖCH</span>
Raoul Schrott. LITERARICUM LECH/CHRISTOPH SCHÖCH

Dass man für den Eröffnungsvortrag einen Publikumsmagneten wie Daniel Kehlmann gewinnen konnte, spricht einerseits für den profunden Ansatz des Literaricums, ist andererseits auch naheliegend. Sein Roman „Tyll“, der eine fiktive Lebensgeschichte von Till Eulenspiegel erzählt, spielt nämlich ebenfalls im Dreißigjährigen Krieg und lässt die ausführliche Spurensuche über den literarischen Vorläufer und bedeutendsten deutschen barocken Schelmenroman erkennen. Die darauffolgenden Veranstaltungen erweiterten den literarischen Horizont vom literaturhistorischen Blick über den der Kunst des Übersetzens bis hin zu heutigen Reportagen und Romanen. Zum Abschluss am Samstag gab es einen vom Wetterglück begleiteten Ortswechsel aus den beiden Hotels in Oberlech auf die Kriegeralpe.

Die Sintflut

Die Bergkulisse mit den Gipfeln auf Augenhöhe hätte nicht besser gewählt sein können für die archaischen Betrachtungen über „Die Erfindung der Poesie – die Sumerer und das Gilgamesch-Epos“, mit den ältesten erhaltenen Gedichten und dem ältesten Stoff der Weltgeschichte. Raoul Schrott faszinieren als vergleichender Literaturwissenschaftler immer schon die Ursprünge des Schreibens. Gilgamesch wird in der sumerischen Königsliste als ein früher König von Uruk genannt. Ihm wird der Bau der kilometerlangen Mauer um die Stadt zugeschrieben, was auf 3000 vor Christus verweist.

Die Eröffnung mit Daniel Kehlmann und Nicola Steiner. <br><span class="copyright">LITERARICUM LECH/CHRISTOPH SCHÖCH</span>
Die Eröffnung mit Daniel Kehlmann und Nicola Steiner.
LITERARICUM LECH/CHRISTOPH SCHÖCH

Schrott bringt die aufregenden Geschichten eindrücklich und durchaus umgangssprachlich rüber: wie genervt die Götter vom Krawall der Städte waren, die Menschen deswegen bestrafen wollten und ihnen nur durch ein Orakel das Überleben der Sintflut ermöglichte. Wie der König die Arche bauen ließ, die Arbeiter mit Großzügigkeit motivierte, und sie untergehen ließ. „Es interessiert mich, in die Geschichte hineinzuschlüpfen und sie mit heutigen Mitteln so zu erzählen, dass sich die Wirkungsmächtigkeit des Textes entfaltet“, erläutert Schrott, der jedes Jahr die Stationen der Weltliteratur abschreiten will: vom Zweistromland nach Griechenland, von den Römern zu den Arabern, von den irischen Mönchen zu den provenzalischen Troubadours.

Niederschwellig

Das Literaricum in Lech startete also vielversprechend als qualitätsvolles Literaturfest, das niederschwellige Begegnungen mit der Literatur und den zeitgenössischen Autorinnen und Autoren zu bieten wusste.

Martina Pfeifer Steiner

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